Vier Wände für 4 Wochen – am Südpol?

Als wir schwer beladen nach mehr als einem km Fußweg unsere Bleibe für die Zeit in Santiago de Chile in der Av. Salvador 915 erreíchten waren  wir froh, nach gut zwei Stunden die Rucksäcke von den Schultern zu nehmen und manches fiel uns nicht auf. Wir hatten über eine in Santiago seit Jahren tätige Agentur, die auch möblierte Wohnungen vermittelt, uns das Quartier “gesichert”, bei der Entscheidung geleitet durch die im Internet präsentierte Objektbeschreibung.

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Am Ankunftstag erwarteten uns die Eigentümerin und ein Agenturvertreter, um den Mietvertrag, der im Grunde schon durch die Bezahlung der Kaution und der Vermittlungsprovision zu Stande gekommen war, noch einmal im Original gegenzuzeichnen. Bei der Wohnungspräsentation wurde wie beiläufig erwähnt,  daß nur zwei statt der ausgeschriebenen vier Herdplatten zur Verfügung ständen – die Küchenausstattung entsprach dann auch den sehr eingeschränkten Kochmöglichkeiten! Daß die beiden Wartenden trotz Betrieb eines kleinen Ofens im Mantel warteten und die Luft in der Wohnung wassergesättigt war, fiel uns nicht besonders auf, waren auch wir bei Außentemperaturen von gut 20 Grad auf Grund des Fußweges auch ganz schön “aufgeheizt”. Und wer denkt an antarktische (Innen-)Temperaturen, wenn vor dem Wohnhaus eine große Palme wächst und gedeiht?

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Manches lernt man erst mit der Zeit so richtig kennen, so war es auch bei uns und unserer Wohnung. Solange frühlingshafte Temperaturen bestanden – keine besonderen Feststellungen; aber, es war ja nach unserem Verständnis Anfang März, d.h. es kann noch mal ganz schön frisch werden – so auch hier. Bereits am Wochenende sanken die Außentemperaturen nachts auf einen niedrigen einstelligen Bereich und auch tagsüber stieg das Thermometer nicht über 15 Grad. Es war “muy  frio”, uns fror ganz schön und ich mußte mir manchen Vorwurf Katrins wegen der Anreise bereits Anfang September anhören. Aber wer rechnet damit, daß auch in den Wohnung Temperaturen herrschen, die den Außentemperaturen fast gleichen?

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Zentralheizung – Fehlanzeige, und das bei einem 1990 errichteten Wohnhaus! Einzig der kleine Gasofen sollte unsere 46qm mit Wärme versorgen; also Ofen auf volle Leistung gebracht, damit wir es in der Bude aushalten konnten.

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Schon bald stellten sich die Nebenwirkungen dieses Heizsystems ein. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft, auf der Innenwand zum Treppenhaus – eigentlich schon wieder eine Außenwand (!)  – schlug sich massiv Luftfeuchtigkeit nieder, die Sesselpolster aber auch unsere Handtücher und sonstige Kleidungsstücke fühlten sich auf einmal sehr feucht an und dauerhaft warm wurde es auch nicht. Die erzeugte Wärme wurde im Objekt nicht gespeichert – kein Wunder bei dem Mauerwerk und den Fenstern. Wie gut, daß man heutzutage von fast überall aus recherchieren kann – so erfuhren wir dank Internet, daß der verwendete Gasofen ein gasbetriebener Katalytofen ist, bei dessen Benutzung nicht nur giftige Dämpfe erzeugt werden sondern, in der Natur der Verbrennung liegend, der Umgebungsluft massiv Sauerstoff entzogen wird mit der Konsequenz eines deutlichen Anstiegs der Luftfeuchtigkeit. Kaum hatten wir diese Information verarbeitet,, war das Öfchen ausgestellt – dann doch lieber frieren als uns vergiften. Das durchzuhalten fiel uns aber immer wieder schwer, denn die Temperaturen hielten sich auf niedrigstem Niveau.

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Nun sind wir ja keine Memmen, aber bei 15 Grad am Tisch sitzen und Hausaufgaben machen ist schon eine Herausforderung!

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Und unsere Stimmung war auch nicht (immer) die Beste! Aber, was tun? Angeregte Diskussionen gab es mehrfach, Unzufriedenheit war spürbar, aber die Lösung? Ausziehen, was anderes suchen, herummotzen, sich (wieder) einmal beschweren ohne Hoffnung, daß sich etwas ändert? Konsequenz für uns ist nun, daß wir uns einen kleinen Heizstrahler zulegen werden, denn unsere Freizeit ständig unter vielen Decken im Bett zu verbringen – so schön das auch ist, ein Dauerzustand ist das nicht.

Eines haben wir gelernt bzw. bestätigt bekommen : alles läßt sich sehr positiv darstellen, z.B. durch Weglassen notwendiger Informationen, um beim Betrachter eine positive Entscheidung zu befördern. In der Wohnungsbeschreibung war von einem Wandofen die Rede, aber wer denkt dabei an einen stinkenden gesundheitsgefährdenden Katalytofen – gesundheitsgefährdend zumindest unter unseren Ansprüchen, denn in Chile sind derartige Gasöfen sehr weit verbreitet! Für die Wohnung eingenommen hatte uns auch der Hinweis auf einen Garten, – die Wohnung verfügt über keinen Balkon – bei näherer Betrachtung existiert ein solcher nicht bzw.ausschließlich in Form weniger Quadratmeter Rasen als Vorgarten. Und schließlich geht der Betrachter davon aus, daß bei Angabe, die Wohnung befände sich im 2. Geschoss, sich darunter ein 1. Geschoss befindet. Dieses 1. oder Erdgeschoss ist in unserem Fall ein Souterraingeschoss, das nach allen Seiten offen ist und Parkplätze für die Wohnungen aufweist. Konsequenz : auch unser Fußboden, ungedämmt, steht in ständigem Kontakt mit der “Außenwelt”, was wir in Form stark aufsteigender Kälte wahrnehmen. Also, nicht so richtig getäuscht, aber immer hart an der Wahrheit vorbei, so empfinden wir inzwischen die Wohnungsbeschreibung. Es ist halt auch eine Erfahrung die gemacht werden muß, insbesondere, wenn aus der Ferne keine Möglichkeit der Überprüfung besteht und vor Ort in der Kürze der Zeit keine Alternativen erschlossen werden können. Also : Augen auf beim Vertragsabschluß

Auf unserer Suche nach einem Elektroofen während mehrerer Tagen mussten wir feststellen, daß hier in Santiago offensichtlich schon Sommer, mindestens aber fortgeschrittenes Frühjahr herrscht, denn in allen uns genannten Geschäften wurden wir nicht fündig. Und wenn, dann standen in der Ecke noch einige verlorene Gasofenexemplare herum. Am Tag vier unserer Suche, am vergangenen Dienstag glaubten wir zweimal, doch noch einen Glückstag zu haben. Geschäfte, die sog. weiße Ware anbieten, waren/sind offensichtlich hier Mangelware, aber in der Av. Ahumeda stießen wir auf zwei dieser seltenen Exemplare, Teil eines Großkaufhauses. In dem einen wollte man uns regulär für ein kleines Elektroöfchen stolze 100 Euro abknöpfen, der ausgewiesene “Sonderpreis” von knapp 35 Euro, den wir freudig bezahlt hätten, galt nur für Besitzer bestimmter von dem Kaufhaus ausgegebener Kundenkarten – kein Mitleid mit uns und kein Verkauf. Das zweite Exemplar fand ich hinter Kartonstapeln im hinteren Bereich der Elektroabteilung eines anderen Kaufhauses, nachdem der Verkaufsleiter  uns erst einmal eine negative Auskunft erteilt hatte. Freudestrahlend das Exemplar herausgezogen aber oh Schreck, der Standfuß war wohl defekt. Die Überprüfung ergab zwar volle Funktionsfähigkeit, eine ausreichende Standfestigkeit war jedoch nicht zu gewährleisten – unsere Sicherheitsbedenken waren für einen Kauf dann doch zu groß.

Vom 18. bis 20.9. stehen hier in Chile fast alle Räder still, an drei aufeinanderfolgenden Tagen werden nationale Feste gefeiert, so am 18.9. den Nationalfeiertag. Konsequenz : Schule und Geschäfte, Lokale etc. sind geschlossen – und wir in der Kälte?! Am Dienstag fassten wir uns ein Herz und baten Francisco, den Co-Leiter unserer Sprachschule, ob wir über die Feiertage einen der in der Schule eingesetzten E-Öfen ausleihen dürften – und konnten dann am Nachmittag einen mit in unsere Wohnung nehmen! Das ist zwar noch nicht die endgültige Lösung unseres Problems, aber ein zumindest positiv zu wertender Anfang. Und sofort kam der Heizstrahler dann auch ergänzend zum Einsatz und erzeugt eine noch nie gekannte Wohlfühltemperatur von knapp über 18 Grad – wie gut geht es uns doch geht!?

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Auch diese Tage werden wir, um der Dauerkälte in der Wohnung zu entfliehen,  – denn den Gasofen wollen wir nur sehr selten einsetzen – bei dem schönen frühlingshaften Wetter unsere Rucksäcke mit den Schulbüchern packen und uns in den nächstgelegenen Park setzen, aber nach einer Rückkehr sind die Möglichkeiten, knapp ausreichende Wohnungstemperaturen zu erzeugen, deutlich gestiegen. Es geht also aufwärts!

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Ein Gedanke zu „Vier Wände für 4 Wochen – am Südpol?

  1. Hi Katrin und Thomas,
    heute hab ich mich mal ausgiebig mit euren Einträgen beschäftigt. Ich muss sagen; ich bin beeindruckt. Das könntet ihr glatt in ein Buch verfassen. Echt toll, unterhaltsam und mit der nötigen Menge Sarkasmus verfasst.
    Nachricht von der Schule (falls dich das gerade tangiert). Wir haben einen echt tollen Schulleiter bekommen. Die Atmosphäre ist sehr entspannt, freundlich, wertschätzen und humorvoll. Christina und Natalie sind gerade in England. Und eigentlich gehts und richtig gut. Bleibt warm und genießt eure Reise.

    Gruß Sonja

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