Der Ritt über die Schotterpisten – von Salta nach Cafayate

Trotz wiederholter Pleiten mit den Empfehlungen der Reiseführer ließen wir uns nicht abhalten, durch das Salta umgebende Bergland, den Nationalpark Los Cardones nach Cachi und von dort durch die Quebrada Calchaquies nach Cafayate zu fahren. Die Entscheidung war richtig, diese leider sehr lang dauernde Fahrt hat  sich gelohnt, war interessant und hat uns neue Seiten des Landes gezeigt.

Ging es anfangs, nachdem wir bei Cerrillos Richtung Westen von der RN 68 abgebogen waren, noch durch zumindest teilweise grünes Gelände, folgten wir einem Rio Escoipe, begann sehr bald das Gekurve um die Kurven, um Höhenmeter zu gewinnen, denn der Scheitelpunkt unserer Strecke in den NP Los Cardones lag bei über 3.000m. Schon bald umgab uns das übliche aus dem Norden gewohnte Bild : Steine, groß und klein, Sand, Wüste, Geröll, Felsen, wenig Sträucher, dafür hier aber in steigender Anzahl die in diesem NP besonders geschützt Art von Kakteen, die Cardones, die nicht nur 200-300 Jahre alt werden sollen, sondern mit ihrer Höhe von bis zu 12 Metern zu den Kakteenriesen zu zählen sind. Ein solches riesiges Exemplar haben wir natürlich nicht gesichtet, aber immer wieder Exemplare, die mit ihrer schieren Größe imponierten. Die Kakteen standen nicht in dichten Gruppen, sondern eher vereinzelt und zogen sich die Berghänge auf dem kargen Untergrund hinauf.

P1050204P1050205P1050207P1050208

Auch Schotter- und insbesondere Erdstraßen bedürfen der “Pflege” und Reparatur. Wer sie gefahren ist wird gegenüber dem Arbeiter, der mit seiner Maschine versucht, die Oberfläche einigermaßen einzuebnen und dabei die größten Schlaglöcher – für kurze Zeit – mit verfüllt, dankbar sein, und nimmt die Verzögerung durch die Streckensperrung gerne in Kauf, so auch wir, als wir eine ganze Weile anhielten und warteten.

P1050212

Kurz vor der Passhöhe wies ein kleines Schild auf ein abseits gelegenes Gehöft hin; Lukas, der mit Sabina auf dem Weg nach Cafayate mitfuhren, hatte gelesen, daß es abseits der Straße eine tolle Aussicht geben sollte, und zwar in das Valle Encantado. Warum nicht, für einen tollen Blick in die Landschaft sind wir schon so manchen Umweg gefahren. Und so ging es einen landwirtschaftlichen Weg im wahrsten Sinne bergab bis zu einem Plätzchen, auf dem ein Wenden möglich war. Lukas und seine Information hatten schon Recht, es war ein schöner Blick in dieses karge Land, in dem weit unten im Tal ein kleiner Bauernhof auf der ihn umgebenden Grünfläche Kühe und Pferde hielt. Von einem weiteren Fahrexperiment gen Tal sahen wir ab und kehrten auf die “Straße” zurück.

P1050211P1050213

Dann war es nicht mehr weit bis zur Passhöhe (3.348m); steil ging es hinauf und später auch auf einer anfangs sogar geteerten Piste ebenso steil wieder abwärts. Oben am Pass stand eine kleine Kapelle, die Piedra del Molino; wir schauten zu beiden Seiten in tiefe Täler, gleichzeitig ragten um uns herum höhere Berge auf, im Norden fiel dabei das Massiv des Cerro Malcante mit seinen 5.226m besonders auf. Höhe und die damit verbundene Kälte sowie der Wind verkürzten trotz der permanent scheinenden Sonne  den Aufenthalt außerhalb des Wagens.

P1050220P1050221

Der erste Streckenteil nach der Passüberquerung in Richtung Cachi war mit einem alten Inkatreck identisch, worauf an wenigen Stellen ein Schild hinwies (Recta Tin Tin); sogar im Straßenatlas war dieser Hinweis in extrem kleiner Schrift enthalten!

Unser eigentliches erstes Ziel auf dieser uns über diesen gewollten Umweg nach Cafayate führenden Fahrt war dann Cachi. Beschrieben wird er als ein traditioneller Ort mit starkem indigenen Einfluß. In seiner Struktur jedoch wirkt er wie ein aus der spanischen Kolonialherrschaft stammender Ort. Ein das Zentrum einnehmender mit umfangreichem Blumenanpflanzungen und zahlreichen stattlichen Bäumen repräsentativ gestalteter Platz, die Plaza de 9. Julio, sowie die umliegende koloniale Bebauung weisen auf den dominierenden Einfluß der Spanier hin. Im Osten der Plaza befindet sich eine kleine hell gehaltene schlichte Kirche aus dem Ende des 18. Jahrhunderts; bei seiner Innenausstattung sowie der Decke wurde das auch früher im Salar de Atacama verwendete Holz der Baumkakteen (Cardones) eingesetzt. Die Stammstruktur verleiht z.B. den Beichtstühlen und sonstigen Inneneinrichtungen eine besondere Note.

P1050228P1050236P1050240P1050231

Weitere Platzseiten waren von anderen aus der Kolonialzeit stammenden Bauten besetzt; wenn durch öffentliche Einrichtungen genutzt, wie z.B. durch das Museo Arqueologico oder einem Teil der Gemeindeverwaltung, war offensichtlich der Gebäudeunterhalt gesichert – war dies nicht der Fall, verfielen die Gebäude nach und nach.

P1050230P1050238P1050241

Nachdem wir unsere Mittagspause mit sehr unterschiedlichen Urteilen über die vorgefundenen Speisen beendet hatten – Lukas und Sabina hatten sich an einer lokalen Spezialität, einer Art Ziegenbraten versucht und dabei vor lauter Knochen kaum Fleisch zum abnagen gefunden – ging es etwas vor 16:00 Uhr weiter. Nun lag ein sehr schönes Stück Weges vor uns, die Quebrada (Schlucht) Calchaquies, die als äußerst malerisch beschrieben wird. Zum Unglück für den Fahrer war die Straße sprich die Erdpiste wenig malerisch, sondern besonders eng, kurvenreich und über gut 150 Kilometer lang bis zum Tagesziel. Es würde spät werden mit unserer Ankunft.

Wir hatten ja vor wenigen Tagen extra einen Ausflug von Salta nach Purmamarca und in das Welterbetal Humahuaca unternommen, um die Vielfalt der Farben in dem Gestein der Gebirge uns näher anzusehen. Mit dem Wissen dieser 150 Kilometer zwischen Cachi und Cafayate hätten wir diesen Tag damals zumindest zum Teil anders nutzen können. Auch hier begleiteten uns auf der ganzen Fahrt bunte Berge; mal mit mehr Rottönen versehen, mal dominierte eher Ocker, auch Grün wurde entdeckt. Zwischendurch tauchten kleine oder größere Haziendas auf, die offenbar begünstigt durch das günstige Klima, dass Vorhandensein von Wasser durch den Rio Calchagui, fruchtbare Böden bestellen konnten. Böden, die anfangs der spanischen Kolonialherrschaft noch den einheimischen Indigenen, dem Volk der Calchaqui-Indianer gehörte. Diese wurden jedoch enteignet, vertrieben bzw. nach Buenos Aires zwangsumgesiedelt als sie sich weigerten, den Spaniern Lohndienste zu leisten.

P1050243P1050249P1050246P1050251P1050253P1050254P1050256

Endlich gegen 20:00 Uhr fuhren wir dann in Cafayate ein; von unserem Hostel in Salta hatten wir eine Empfehlung und die steuerten wir auch direkt an. Für zwei Nächte kamen wir im Rusty-k Hostal unter und haben diese Unterkunftswahl nicht bereut.

Den Folgetag, den 24.10., wollten wir nicht untätig vergeuden. Lukas und Sabina wollten schauen, ob und wenn ja wie sie mit einem Fahrrad die Gegend erkunden können. Uns stand eher der Sinn nach einer Wanderung. Aber wie wandern in einem vom Weinanbau fast völlig beanspruchten Umland? Als eine Möglichkeit hatten wir im Touristenbüro von einer 1-1 1/2 stündigen Wanderung zu einem schönen Wasserfall in einem nördlich vom Ort gelegenen Tal erfahren. Die Zeitangabe bezog sich einerseits auf den Hinweg und zum anderen ist es sinnvoll, die ersten 6 Kilometer mit dem Wagen zu fahren, was die Wanderzeit nicht wirklich verkürzt. Wie wir später nach Rückkehr feststellten, war die Zeitangabe im Büro völlig aus der Luft gegriffen. Am Startpunkt der kleinen Wanderung angekommen wurden wir zuerst von einem Einheimischen angesprochen; er wollte sich uns als Führer empfehlen; Dauer des Hinweges – jetzt waren es schon drei Stunden. Noch ohne besondere Erfahrungen was die Kennzeichnung von Wanderwegen in Chile betrifft lehnten wir ab. 300m später saß ein anderer Bewohner des indigenen Dorfes vor einem Tischchen und forderte uns auf, unsere Daten in eine Kladde einzutragen; darin wurde auch der Startzeitpunkt ab Dorf vermerkt. Auch jetzt hieß es, mit einer Wanderzeit von drei Stunden sollten wir rechnen. Mit einer kurzen Wegbeschreibung, die aber nur für den ersten Kilometer galt, schickte er uns dann in das Tal hinein. Zu Anfang konnten wir auch munter ausschreiten, passierten kleine Gärtchen, überquerten den Fluß/Bach mehrfach, kamen an einen kleinen Staudamm, von wo aus über Kanäle die Bewässerung der Anbauflächen der Dorfbewohner gewährleistet wurde und stießen immer weiter in das Tal vor. Aus dem anfänglich kleinen aber nicht gekennzeichneten Weg wurden zunehmend viele kleiner und kleinste Wege durch das Geröll, das der Fluß im Verlaufe der Jahrtausende hinuntergerissen hatte. Wir kletterten also über Felsen, balancierten immer wieder über den Fluß und suchten permanent nach “dem” Weg zu unserem Ziel. Zunehmend wurde uns klar, daß es den Königsweg gar nicht gibt, wir folgten den sichtbaren Ziegenwegen. Leider waren wir nicht so behende wie die Tiere, manches Wegstück fiel uns richtig schwer und umkehren mußten wir auch wiederholt. Aber wir kamen voran! Nach weit über 1 1/2 Stunden standen wir dann vor einem wirklich steilen Felsen, auf den hinauf natürlich auch wieder Ziegenpfade führten. Teile der Strecke waren aber ganz schön ausgesetzt und der Untergrund nicht immer fest. Katrin kletterte oder krabbelte vornweg, ich in gebührendem Abstand hinterher. Ich hatte das Ende dieses Abschnittes noch gar nicht ganz erreicht als es von oben hieß : wir gehen zurück. Katrin hatte keinen Hinweis auf einen vernünftigen Weg gefunden, die Plackerei fortzusetzen, schien wenig Sinn zu geben, der Weg wurde immer beschwerlicher und der Rückweg stand uns auch noch bevor. Für den Rückweg benötigten wir nahezu die gleiche Zeit wie ins Tal hinein, mehrfach hieß es zurück auf Start, wir verliefen uns wiederholt. Wer kann sich in diesem Steingewirr auch einprägen, welchen der unzähligen Ziegenpfade wir gegangen waren, wo wir den Fluß überquert hatten? Froh waren wir, nach weiteren fast 1 1/2 Stunden wieder am Wagen Wir hatten zwar den Wasserfall weder gesehen noch gehört – war wahrscheinlich auch nur so ein ganz kleiner, so daß es kein Verlust ist, nicht bis zu dieser Stelle vorgedrungen zu sein –, aber wir waren ohne Blessuren wieder auf sicherem Boden angelangt.

P1050258P1050263P1050264P1050266P1050267P1050265P1050269P1050271P1050272

Am nächsten Tag hieß es innerhalb des Ortes in ein neues Quartier umzuziehen. Wir hatten bei der Rückkehr von unserer Wasserfallwanderung ein kleines Hostel am Ortsrand gefunden, bei dem Preis und Leistung stimmte. Lukas und Sabina hatten bei ihrer Suche am Nachmittag nichts besseres aufgetan, so daß wir eine Nacht im Hostal Candelaria übernachteten.

Katrin und ich hatten uns für den 25.10., unseren zweiten Tag in Cafayate, vorgenommen, in die nach Norden führende Quebrada del Rio de las Conchas, auch Quebrada de Cafayate genannt, zu fahren. Der durch die Quebrada fließende Fluß, der Rio de las Conchas, das Wetter, der Regen, der Wind und die Sonne, die Erosion, haben hier im Verlaufe von wahrscheinlich Millionen von Jahren ein Kunstwerk in die Felsen gefräst. Dabei entstanden eine Vielzahl von mit Phantasie zu erkennende Figuren, Strukturen, Gebilde. Betont wird das Plastische dann noch durch den Buntsandstein, der in seiner Farbenvielfalt zu dem prächtigen Gesamtbild beiträgt. Was bereits von Weitem imponierend ist und Neugier weckt, wirkt aus der Nähe noch interessanter. Also konnten wir unser Interesse an den “Figuren” mit ausführlichen Spaziergängen in die einzelnen Täler verbinden. Je weiter wir uns von der durch die Quebrada führende RN 68, die Salta mit Cafayate verbindet, entfernten, desto einsamer wurde es, denn die auch in diese Region ihre Gäste chauffierenden Agenturen sorgten dafür, daß nur wenig Zeit vor Ort blieb. Für uns ein schönes Geschenk, konnten wir im wesentlichen völlig ungestört durch die Täler laufen. Wo die Phantasie den erkannten Gebilden Namen gibt, werden sie zu Erkennungs- und fast auch Markenzeichen. So findet man neben dem Amphitheater, die Garganta del Diablo (Teufelsrachen), El Sapo (die Kröte), El Fraile (der Ordensbruder), El Obelisco (der Obelisk) oder Los Castillos (die Burgen).

P1050278P1050288P1050325P1050299P1050286P1050300P1050309P1050329P1050321P1050330P1050338P1050355P1050357

Es war faszinierend zu sehen, wie künstlerisch die Natur mit dem vorgefundenen Material umgehen kann und dabei keine geringen Anforderungen an unser Vorstellungsvermögen stellt.

Cafayate ist von zahlreichen Rebflächen umgeben; der Weinanbau ist einer der dominierenden Landwirtschaftszweige des Ortes. Überall wo möglich, werden neue Anbauflächen erschlossen. Das warme Klima und offensichtlich auch der Boden sollen gute Voraussetzungen für das Gedeihen der Rebstöcke liefern. Wie wir sehen konnten, werden alle Rebstöcke in Form von Tropfenbewässerung mit Wasser versorgt; aufwendige Installationen sind dafür ebenso erforderlich wie erhebliches Kapital. Damit ist mehr oder weniger vorherbestimmt, daß die Großbetriebe hier über kurz oder lang bestimmend sein werden. Wasserprobleme scheint man zu negieren. Wie wir bei einer Weinprobe bei einem kleinen örtlichen Weinbauern erfuhren, haben nur wenige sogenannte Wasserrechte; so wie ich es verstanden habe, darf nur ein Großproduzent sein notwendiges Wasser direkt dem Rio de las Conchas entnehmen, die übrigen müssen Tiefbrunnen bohren mit der Folge, daß der Grundwasserspiegel auch für die sonstige Landwirtschaft absinken wird. Es hat den Anschein, als ob hier mittelfristig eine Monokultur entsteht mit den bekannten negativen Folgen für Umwelt und Bevölkerung. Die hier angebauten Weine sind, so erfuhren wir, überwiegend Weißweine. Die Weinprobe nach einer Führung durch einen kleinen Betrieb mit einer Jahresproduktion von rund 700.000 Litern, in dem auch die Flaschen noch per Hand abgefüllt werden, die Arbeitskraft ist deutlich billiger bei dem Mengendurchsatz als die Automatisierung der Produktion, war nett, in gewissem Umfang informativ, die zur Verkostung gereichten Weine trafen jedoch fast alle nicht unseren Geschmack

Ohne beschwipst zu sein, gingen wir Richtung Quartier, um uns auf die am nächsten Morgen anstehende Abreise “einzustimmen”.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert