Der Park Torres del Paine ist der einzige Grund nach Puerto Natales zu kommen; dies gilt für uns ebenso wie für fast alle Gäste dieser Stadt, die zwar auch Hafenstadt ist und von der zahlreiche Fischer immer noch ausfahren, jedoch bessere Zeiten, abgesehen vom Tourismusboom, hinter sich hat. Früher erfolgte hier das Verschiffen der Schafswolle der großen Schaffarmen in Patagonien; heute ist der entsprechende Terminal etwas außerhalb der eigentlichen Stadt zu einem 5-Sterne-Hotel umgebaut worden. Der starke patagonische Wind, der zwar nicht ständig bläst, aber wenn, dann mit nicht zu unterschätzender Stärke und in kräftigen Böen, dürfte die Ortsbebauung spürbar beeinflußt haben. Viele insbesondere ufernahe Bauten ducken sich quasi hin, um dem Wind wenig Angriffsfläche zu bieten; im innerstädtischen Bereich überwiegen die einstöckigen Gebäude, in der Regel Holzbauten, selten findet man Zweigeschosser und nur wenn stabilstes Material (Beton) eingesetzt wird, sind es in Einzelfällen auch einmal etwas mehr Stockwerke. Also eine nicht nur bewohnerzahlmäßig kleine Stadt, sondern sie geht auch baulich nicht hoch hinaus. Als Zentrum für einen großen Teil Südpatagoniens konzentrieren sich hier zahlreiche Geschäfte, so daß die Dominanz der Reiseagenturen, Ausrüster, Hostals, Restaurants etc., die sich an die Touristen richten, gemindert wird. Sehenswertes haben wir auf unseren Spaziergängen eigentlich nicht entdeckt, sieht man von der ebenfalls nicht sehr hohen Kirche am viel zu groß dimensionierten zentralen Platz, der Plaza de Armas, ab.
Betrachtet man obige Skulptur, die eine Verbundenheit zwischen der indigenen christianisierten Bevölkerung und dem Priester/der Kirche darstellen soll, kann schnell auch der Begriff Heuchelei fallen. In der “offiziellen” Geschichtsschreibung wird kaum auf die gewaltsame Bekehrung wie auch die Entwürdigung der indigenen Bevölkerung durch insbesondere Ordensleute eingegangen. Es ging nicht um Bekehrung, sondern um Unterwerfung, auch im Interesse der Staatsmacht. Eine Form der “Bekehrung”, wie sie Mitteleuropa im Mittelalter kannte!
Den heutigen 10.12. nutzten wir, um die für die Wanderung im NP Torres de Paine notwendigen Informationen zusammen zu tragen, die Entscheidung über die Gestaltung der nächsten Tage vorzubereiten und zu fällen, das fehlende Equipment auszuleihen und die Stadt zu erlaufen. Im Zuge der Stadterkundung landeten wir natürlich auch am kleinen Hafen, d.h. einerseits am Pier für die Navimag-Schiffe, die Puerto Natales mit Puerto Montt verbinden, andererseits am etwas abseits liegenden gewerblichen Hafen, in dem vorwiegend Fischerboote vertaut waren. Ausgemusterte Boote “schmücken” das Umland.
Wir hatten von einem Aussichtspunkt vor der Stadt gehört, der Mirador Doretea, von wo aus ein schöner Überblick über die Stadt und der auf sie zulaufenden Fjorde möglich sein soll. Grund genug uns dorthin auf den Weg zu machen. Um auf den vielleicht 250 Höhenmeter über der Ebene liegenden Hügel zu kommen, muß Privatgrund überquert werden. Hier lernten wir eine moderne Form der Wegelagerei kennen. Hatten wir schon den Straßenzoll kennengelernt, war dies nun ein Wegezoll. Während jedoch die Maut etwa 3.000 CLP für 20 Kilometer Straße beträgt, mußten wir hier, um wahrscheinlich nicht einmal einen Kilometer über den Privatboden zu gehen, insgesamt 10.000 CLP, dies entspricht etwa 14 Euro, der Grundbesitzerin in die Hand drücken. Gemessen an den Investitionskosten ein Wahnsinnspreis; er entsprach so ziemlich exakt dem Betrag, den wir für ein komplettes Mittagessen mit Getränk ausgegeben haben! Da ohne zu zahlen kein Ausblick zu bekommen war, erleichterten wir die Reisekasse um den geforderten Betrag.
Vor den Blick auf Stadt, Fjord und Berge hat das Gelände den Schweiß gesetzt; es ging mehr als steil hinauf, über Schafswiesen, Ziegengelände und zum Schluß durch einen Lengawald, d.h. Südbuchen säumten unseren Weg. Einen guten Teil der Strecke hatten wir hilfreichen Rückenwind. Noch bevor wir den eigentlichen Aussichtspunkt erreichten und den schützenden Wald, der inzwischen aus verkrüppelten Bäumchen bestand, verließen spürten wir zunehmend den strammen vom Meer kommenden Wind. Auf freier Fläche angekommen war er dann so stark, daß wir nicht nur in sehr gebückter Haltung uns weiter bergauf kämpfen mußten, sondern immer wieder, wenn Böen uns ergriffen, Standprobleme bekamen und das eine oder andere mal auch versetzt wurden. Stramm war der Wind; um uns in Ruhe umsehen zu können suchten wir deshalb den Schutz und Stand am Drahtzaunes eines Funkmastes. Weit war die Sicht, auch wenn insbesondere in Richtung Torres de Paine sich die Wolken ballten und der Traumblick eingeschränkt war. Dennoch, wir bekamen einen Eindruck von der Weite der Landschaft, von ihrer Differenziertheit, von Fjorden, Bergen, Schnee und der Ebene. Der kleine Ausflug auf den Aussichtspunkt war so eine Einstimmung auf unsere Fahrt in den NP und die erste Wanderung in Puerto Natales.
Wir hatten Phil und seiner Frau Steph ja angeboten, mit uns zur Wanderung am Torres del Paine mitzukommen. Nach ausführlicher Beratung mit dem abendlichen “Empfangschef” unseres Hostels sah die Planung vor, am Mittwoch mit dem Wagen zum östlichen Parkeingang an der Laguna Amarga und von dort weiter bis zum Hotel Las Torres zu fahren. Von hier aus kann der östliche Schenkel der “berühmten” W-Wanderung, der einen Blick ab der Laguna Torre am Fuß der drei Torre-Gipfel hinauf zu dem Massiv bietet, angegangen werden, wofür gut 7 Stunden Gehzeit zu veranschlagen sind. Katrin und ich hatten vor, die “U and I”-Runde zu laufen, d.h. nachdem am Mittwoch das “I” anstand, sollten am Donnerstag und Freitag mit Basis Zeltlager am Refugio Paine Grande an einem Tag zum Refugio Grey mit Ausflug zum etwas nördlicher gelegenen Grey-Gletscher gelaufen werden sowie am Folgetag dann vom Refugio Paine Grande nach Osten in das Valle del Francés und dann wieder zurück am gleichen Tag, wodurch ein “U” grafisch entsteht.
Das “I” unserer Runde gingen wir gemeinsam mit Steph und Phil an. Zu nicht mehr nachtschlafener Zeit nahmen wir die gut 120 Kilometer Anfahrt in Angriff. Für uns eine altbekannte Strecke, denn der erste Teil entsprach unseren letzten Kilometern nach Puerto Natales. Jetzt fiel nur mehr als vor zwei Tagen auf, wie stark doch noch die Bewaldung der Hügel war, welch große Schafherden hier unterhalten werden; das geringe Verkehrsaufkommen hingegen war Alltag. Was wir dann etwas später erlebten, kann man durchaus als Fahrt durch einen Zoo beschreiben. Hatten wir bislang Guanakos oder auch Nandus als äußerst scheue Tiere kennen gelernt, die sofort Reißaus nehmen, wenn man sich ihnen nähern wollte, sahen wir heute sehr weit vor der eigentlichen Parkgrenze nicht nur in respektvollem Abstand zu der von uns befahrenen Piste, sondern sehr zahlreich auch in unmittelbaren Wegnähe ganze Großfamilien und Herden von Guanakos. Die Tiere ließen sich nicht aus der Ruhe bringen beim äsen, wenn wir im Abstand von vielleicht 5 Metern an ihnen vorbeifuhren. Einige wenige Tiere beobachteten uns, die allermeisten ließen sich in ihren Tätigkeiten nicht aus der Ruhe bringen, seien es Jungtiere, die an de Zitze der Mutter säugten, im Gras liegende Guanakos oder auch jugendliche Tiere, die offensichtlich im Spiel miteinander durch die Gegend rannten, auch mal quer vor den Wagen, aber nicht vor Angst davon stoben, sondern weil sie einander verfolgten. Als wenn die Tiere angepflockt worden wären; auf jeden Fall fehlte ihnen jeglicher Fluchtreflex, sie schienen hospitalisiert, den Menschen und seine Fahrzeuge gewohnt. Frei lebende Tiere ohne Scheu, dafür muß man einmal um den Globus fahren. Die Nandus hatten wir bislang eher als ihre Gehwerkzeuge in schnelles Tempo versetzende Fluchttiere kennen gelernt, sobald Mensch Anstalt macht, sich ihnen zu nähern; allein schon das Anhalten des Wagens löste den allbekannten Reflex aus. Nun lief völlig in Ruhe eine Nandufamilie mit zahlreichem Nachwuchs uns vor die Linse; ausgewachsene Tiere mißachteten unsere Anwesenheit, andere gingen, wenn wir uns ihnen näherten, einige Schritte zurück hinter einen Busch. Aber fluchtartig die Region verlassen – kein einziger Nandu folgte diesem Reflex.
Durch derartige Erlebnisse eingestimmt, wird auch der Rest des Tages ein Gewinn sein.
Bereits auf den letzten Kilometern hin zum Parkeingang konnten wir eine Vorfreude auf das dann aus größerer Nähe zu sehende Panorama empfinden. Natur pur, auch wenn der Himmel nicht klar war. Und um das Besondere an dem Gebiet um den NP Torres del Paine zu unterstreichen, lagen auch diverse Gewässer/Lagunen rechts und links des Weges.
Dann starteten wir am Hotel/Refugio Las Torres unsere Wanderung den Rio Ascencio hinauf, Hotel und Refugio waren ein imposanter und zugleich riesig langgestreckter aber relativ gut in die Landschaft eingepasster Komplex. Ging es zu Anfang gemächlich da auf einer Höhenlinie laufend vorwärts, stieg der Weg, nachdem wir den Rio Ascencio auf einer kleinen Hängebrücke überquert hatten, merklich an, mußten wir den leichten erdigen Boden gegen teilweise geröllartige Bachbette tauschen. Am Rande konnten wir, wie auch später im Campamento Chileno beobachten, wie der Warentransport hinauf in die Hütten und Refugios verläuft : auf dem Rücken kleiner stämmiger Pferde, die teilweise im Dutzend von einem Gaucho geführt werden. Vor unseren Augen bemühte sich ein Gaucho seine vier Lasttiere durch den Fluß zu lotsen.
Die uns bereits auf den ersten Metern begleitende Vegetation erinnerte weniger an die geringe Höhe (wir starteten bei 135müNN), sondern vielmehr an die geographische Lage – karg war der Bewuchs, soweit wir sehen konnten; die Berghänge im ersten Wegabschnitt ähnelten mehr Geröllhalden als dem uns bekannten klassischen Berg. Wild war es hier und der unten im Tal nicht dahinplätschernde, sondern ganz schön rauschende Fluß unterstrich dieses Bild. Wie zur Bestätigung, daß Patagonien ein sehr windiges Land ist, mußten wir uns immer wieder starken Böen entgegenstellen. Ruhiger wurde es erst, als wir tiefer ins Tal eingedrungen waren.
Nach etwa 1 1/2 Wanderstunden erreichten wir das Campamento Chileno, auf 440müNN gelegen. Manche Wanderer nutzen hier die Zelt- und Übernachtungsmöglichkeiten, und machen sich dann mit Tagesgepäck in Richtung Base de las Torres auf. Hier war ein Kommen und Gehen, gut für den Betreiber des Campamento, denn die Nachschubmengen, die wir bei der Anlieferung auf dem Rücken der Pferde auf unserem Rückweg sahen, waren riesig, die Preise aber auch; für ein Sandwich werden stolze 5 Euro verlangt. Da der NP strenge Entsorgungsregeln hat, muß sämtlicher Müll wieder ins Tal geschafft werden. Hier werden gerade etwa 20 Pferde für den Rücktransport von Säcken und leeren Gasflaschen von den drei Gauchos vorbereitet.
Vor uns lagen nach einer kurzen Pause noch gute 2 1/2 Stunden Höhenwandern, die uns zuerst nicht nur über hölzerne Brücken, Baumstämme und durch kleine Bäche führten, sondern auch lange Zeit durch einen schönen wilden Buchenwald. Dieser wird sich selber überlassen; die gestürzten Baumriesen, die zerborstenen Baumstämme, das herumliegende und nach und nach sich zersetzende Bruchholz machten den Wald zu einem besonderen Blickfang, denn ständig gab es Neues zu entdecken. Von den Berghängen sahen wir immer wieder in kleineren Bächen in langen aber nicht sehr mächtigen Kaskaden das Wasser talwärts fallen.
Nach gut 1 1/2 Stunden lag rechterhand das Campamento Torres, das Lager der Kletterer, von nun an ging es richtig steil bergauf; anfangs noch über zivilisierte Pfade, doch dann mussten wir über lange Zeit durch und über großes Geröll steigen, nicht immer war dabei der Pfad auf den ersten Blick sichtbar.
Katrin als jüngste unter uns Bergwanderern konnte ihr Wandertemperament nicht zügeln und ging fast immer voran. Oft wartete sich nach einer Weile, aber als es dann die letzte Stunde nur noch steil bergauf ging, war sie offenbar nicht zu halten. Anfangs sah man ihren Rotschopf noch, doch nach etwa 10 Minuten war sie aus dem Blickfeld verschwunden. Das blieb auch so, bis wir am Ende des Trecks an der Laguna Torres (880müNN) ankamen und staunen durften. Es windete hier oben heftig, so gingen wir drei davon aus, Katrin habe sich hinter einem Felsen in den Windschatten gesetzt und suchten nach ihr, ohne Erfolg. Nach etwa zehn Minuten Suche, unterbrochen durch anhaltendes Betrachten des Teils der Torresgipfel, der sichtbar war, machten wir uns auf den Rückweg. Vielleicht hatten wir uns, wo auch immer, verpasst und sind aneinander vorbei gelaufen. Nach zehnminütigem Abstieg sah ich dann Katrin aufwärtsstrebend.
Endlich wieder vereint, machten wir uns zu zweit dann auf das letzte Stück zur Laguna Torres. Bessere Sicht war inzwischen auch nicht eingetreten, die Wolken drängten immer stärker ins Tal, die Sicht verschlechterte sich. Dennoch, was wir sahen, diese steilen Wände, die ab Lagunaniveau fast 2000 Metersteil in die Höhe wachsen, war äußerst beeindruckend. Auch wenn uns der volle Blick auf das Massiv verwehrt geblieben ist, wir nehmen das Teil für das Ganze – selbst das Teil zu sehen hat den Weg lohnenswert gemacht.
Phil und Steph trafen wir wieder im Campamento Chileno bei einer Brotzeit; die gute halbe Stunde Vorsprung konnten wir beim besten Willen nicht zulaufen, wollten wir nicht völlig auf die Blicke nach hinten und zur Seite verzichten. Wie schnell sich die Situation vor Ort ändern kann, war bei einem Blick über die Schulter festzustellen. Über eine längere Zeit war es möglich, zumindest die Spitzen des Torres zu sehen, wenn sie denn sichtbar waren. Die den Berg umhüllenden Wolken verzogen sich offensichtlich und gaben immer wieder den einen oder anderen der drei Gipfel zu Ansicht frei.
“Endlich” wieder alle zusammen, so konnten wir uns, nachdem wir ausgiebig nicht nur gevespert sondern auch den Gauchos bei ihrer Arbeit, die Pferde satteln, zugesehen hatten, auf den Rückweg machen, Katrin zwar auch hier vorneweg, aber immer auch bemüht, den vorher gemachten Fehler, einen Weghinweis nicht beachtet und mit gesenktem Kopf einfach einem Pfad nachgelaufen zu sein, nicht zu wiederholen.
Während der Rückfahrt gab es immer wieder Gelegenheit, einen Blick in den Rückspiegel oder zur Seite zu richten, lang genug ist die Anfahrt zum Nationalpark ja. Gut 40 Kilometer vom Startpunkt unserer Wanderung entfernt, ergab sich ein wunderbares Panorama für uns. Die Wolken hatten sich zwar nicht verzogen, waren jedoch aufgestiegen und gaben uns einen fantastischen Gesamtblick auf das Massiv. Ein schöner Tag wurde somit auch mit einem bemerkenswerten Eindruck abgeschlossen.
Für den 13. und 14.12. haben wir, ausgehend vom Refugio Paine Grande, geplant, an einem Tag vorbei am Refugio Grey zum Grey Gletscher zu wandern, im Zelt auf dem Campingplatz am Refugio Paine Grande zu übernachten, um von dort am Folgetag hinüber in Valle del Frances zu wandern, damit auch wir den oft beschriebenen unvergleichlichen Blick aus der Zwergperspektive auf die in einem kleinen Kreis um den Betrachter herum stehenden fast 3.000m hohe Granitfelsen werfen können. Rückweg am gleichen Tag, um die Fähre zur Heimfahrt um 18:30 zu erreichen. Es kam anders.
Gut vorbereitet hatten wir uns. Bei der Planung hatte Katrin sich einverstanden erklärt, eine Nacht im Zelt zu schlafen, was die Basis für diese Wanderung erst schuf. Zwar kann man auch im Refugio Zelte mieten, aber um nicht böse überrascht zu werden, mieteten wir uns in einem Ausrüsterladen das notwendige Equipment für die Wanderung (Zelt, Schlafsäcke, Isomatte, Kochgeschirr, Rucksack, denn wir wollten den Inhalt unserer Rucksäcke nicht in Tüten umpacken). Derartig ausstaffiert starteten wir am Donnerstagmorgen so zeitig, um die Fähre zum Refugio über den Lago Pehoé, deren Abfahrt uns mit 10:00 Uhr angegeben war, zu erreichen. Auch wenn ich die – nicht gekennzeichnete – Abzweigung zur Ablegestelle zuerst verpasst hatte, wir waren um 09:30 Uhr vor Ort, sahen das Boot, zogen unsere Treckingschuhe an und mussten erleben, wie die Fähre um 09:30 ablegte! Wie sich herausstellte, nicht zu früh, sondern fahrplanmäßig. Die nächste Überfahrt war erst um 12:00 Uhr möglich. Damit war der Plan, nach Ankunft und Zeltaufbau sofort zum Gletscher zu wandern, etwa 4,5 – 5 Stunden je Weg, nichts mehr wert. Daß ich darüber nicht gerade erfreut war, kann sicherlich nachvollzogen werden.
War es bei unserer Ankunft an der Ablegestelle schon sehr windig, trugen die Seewellen richtige Schaumkronen, nahm die Windstärke im Verlaufe der kommenden Stunden weiter zu; die Böen waren nicht nur stark, sondern äußerst heftig.
Dennoch, der Blick auf das Torres del Paine Massiv während der Überfahrt, ließ große Vorfreude aufkommen, nicht nur bei uns, sondern auch bei den weiteren gut 80 Wanderern auf dem Boot, von denen die meisten offensichtlich sich auf eine Mehrtagestour eingestellt und ausgerüstet haben. Dementsprechend voll war dann auch der “Gepäckraum” des Katamarans.
Je näher wir unserem Ziel der gut 30 minütigen Seefahrt kamen, desto unruhiger wurde der See, die Wolkendecke verdichtete sich, es wurde dunkler und der wahrnehmbare Wind nahm nicht ab, sondern weiter zu. Unser erster Weg nach dem Verlassen des Bootes war der Zeltplatz, auf dem sich bereits zahlreiche Zelte befanden. Einige hatten mit dem sehr heftigen Wind schon kräftig zu kämpfen; auch Wanderer, die ihr Zelt gerade aufbauten, sahen bei ihrem Bemühen nicht gerade glücklich aus. Wir entschieden, wenn möglich auf den Zeltaufbau bei diesen extremen Verhältnissen zu verzichten und uns ein Zelt vor Ort zu mieten. Wie sich herausstellte eine gute Entscheidung. In der kommenden Nacht stürmte es so stark, daß einige Zelte diese Stunden nicht überlebten. Unser extrem professionell und solide aufgebautes und verankertes Zelt stand wie eine Eins. Ob wir das auch hinbekommen hätten?
Nun waren wir hier, um unser U zu wandern, als erster Teil stand die Wanderung zum Refugio Grey auf dem Plan. Wir stellten uns dem starken Wind, der insbesondere in seinen Böen äußerst unangenehm war und liefen gegen ihn an. Ab und an gab es einen kleinen Schauer, aber die Tropfen nahmen wir kaum wahr, wurden eh durch den Wind sofort trockengeföhnt. Die Wegstrecke war nicht besonders anspruchsvoll, da es aber nirgendwo Windschatten gab hieß es, dauernd im Wind und gegen den Wind zu laufen, d.h. auch, fast immer den Kopf nach unten gesenkt und Blick auf den Untergrund . Von der Umgebung nahmen wir zwangsläufig weniger als sonst wahr; wenn wir die Umgebung betrachten wollten,mußten wir stehenbleiben. Erstaunlich, hier in Patagonien kann ein Starkwind blasen und gleichzeitig, wenn auch immer wieder nur für ganz kurze Zeit, die Sonne scheinen. Zurecht wird darauf hingewiesen, man könne hier am Torres del Paine alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben. Wir können bestätigen, drei Jahreszeiten heute erlebt zu haben. Trotz des wirklich unangenehmen Wetters, wenn es denn dann Aussichtsmöglichkeiten gab, waren die umwerfend. Nach einer knappen 3/4 Stunde lag unter uns die Laguna los Patos, mit einer sehr bewegten Wasseroberfläche.
Das was wir an Gebüsch und Bäumchen entlang unserer Wanderstrecke sahen, hatte auch seinen Tribut an die Witterung, insbesondere an den hier fast immer sehr heftigen Wind entrichtet; kleiner Wuchs, meistens vom Wind gebeugt. Wie stark es windete, kann an der Lage mancher Äste sehr gut erkannt werden.
Wir kämpften uns vorwärts; es war nicht leicht, das Gleichgewicht zu halten, teilweise wurden wir nicht nur am Vorwärtsgehen gehindert, sondern auch auf dem Pfad versetzt. Der Wind war nicht berechenbar, denn die Windrichtung wechselte immer wieder deutlich. Man könnte glauben, wer mit Gepäck auf dem Rücken läuft, kann dem Wind besser standhalten – stimmt nicht unbedingt, denn die Erfahrung zeigte, wie schwer es ist, mit Gepäck “vernünftig” zu gehen. Hut ab vor den Treckern, die nicht mit unseren 6 Kilos auf dem Rücken, sondern sich mit 14-16kg dem Ziel entgegen kämpfen. Nach gut 2 1/2 Stunden hatten wir einen Punkt erreicht, von dem aus ein wunderbarer Blick auf den Lago Grey und den riesigen Greygletscher möglich ist, nachdem wir ihn bereits seit einiger Zeit immer wieder kurz von der Strecke aus einsehen konnten. Von hier ab ging es nur noch bergab zum Refugio. Wir hatten wenig Grund, das letzte Stück zum Refugio zu laufen, denn darüber hinaus bis an den Greygletscher heran, war aus Zeitgründen nicht mehr möglich. So versuchten wir uns aufrecht zu halten, genossen den Blick auf den Gletscher, im See treibende abgebrochene Gletscherteile, See und Bergwelt, ließen uns richtig gut durchpusten und strebten dann wieder unserem Zeltplatz zu. Schade, denn die Dimension des Gletscherfeldes war enorm, und seine Mächtigkeit aus der Ferne so gar nicht einzuschätzen, aber die Vernunft siegte.
Wer geglaubt hat, mit Rückenwind kommen wir schneller an unseren Zeltplatz zurück, irrt. Der Pfad war ja nicht asphaltiert, sondern ein echter Wanderpfad mit Wurzeln, Steinen, Geröll zwischendurch, man mußte über Steine hinab- und hinaufsteigen, trat auf loses Gestein, Sand, seltener auf feste Erde, also es war konzentriertes Gehen angesagt. Da stört ein insbesondere böiger Rückenwind, der zudem seine Richtung plötzlich wechselte, erheblich, war eine Last und keine Unterstützung. Ständig auf der Hut, möglichst immer schnell den Boden finden, damit man durch eine Bö nicht aus dem Gleichgewicht geworfen wird. Wir hörten abends im Camp von Wanderern, die es mehrfach ausgehoben hatte; die eine Rolle, die ich unfreiwillig zu machen gezwungen war, war wohl unterdurchschnittlich. Man kann sich auch nicht vorstellen, daß derartiges Wandern anstrengender als normales ungestörtes Laufen ist. Wir waren zumindest nach den vier Stunden rechtschaffen kaputt.
Eines war uns aus den Berichten bereits bekannt, durch Hinweise im Camp wurde die Wahrnehmung weiter geschärft : Dummheit und Unachtsamkeit hatten in der Vergangenheit zu erheblichen Bränden rund um das Torres del Paine Massiv geführt, deren Schäden noch über Jahrzehnte zu “besichtigen” sind. Wir sind gut eine Stunde durch einen toten Wald gelaufen, verbrannte Bäume statt grünem Schutz sahen wir. Ein trauriges Bild.
Zum Abend wurde es immer ungemütlicher. Zu dem heftigen Wind, der inzwischen bei einigen Zelten u.a. zu einem Bruch des Gestänges geführt hatte, kam zunehmend auch heftiger Regen, beste Bedingungen, um die Nacht in einem Zelt zu verbringen. So früh wie wir selten zuvor den Tag beendet hatten, krochen wir in unsere Schlafsäcke – es war so richtig kalt geworden und im Schlafsack hofften wir, die notwendige Wärme zu finden. Geschlafen haben wir in der Nacht beide nicht so richtig, vielleicht gedöst, denn die Böen zerrten unentwegt an der Zeltplane, rissen das Zelt in alle Richtungen, zwischendurch war es fast ruhig, wenn nicht gleichzeitig die heftigen Regenschauer auf das Dach getrommelt hätten. Bei dem Getöse bekommt man selten Ruhe zum Einschlafen und so lagen wir Stunde um Stunde wach und warteten auf das Ende des Regens und der Starkwinde, wurden aber nicht so richtig erhört. Planmäßig standen wir auf, denn noch hatten wir unser Ziel, ins Valle del Francés zu laufen, nicht aufgegeben. Aber bereits beim Frühstücken wurde deutlich, der Regen nimmt nicht ab, die das Massiv einhüllenden Wolken sitzen fest und der Wind hat sich auch nicht spürbar abgeschwächt. Also keine wirklich guten Voraussetzungen für eine 9-Stunden-Wanderung. Wir sahen einige Unentwegte ihre Zelte abbauen, den Rucksack schultern und sich auf den Weg machen, wir sahen aber auch einige, die zurückkehrten von ihrem “Kurzausflug” zum nächsten Ziel. Zwar ist der Weg das Ziel, aber wenn man weder den Weg so richtig sehen noch das Ziel optisch wahrnehmen kann, welchen Sinn hat es dann, uns auf den Weg zu machen? Im Valle del Francés bei den herrschenden und anhaltenden Bedingungen einen Blick auf die umliegenden Granitfelsen mit ihrem starken Farbenspiel werfen zu können war illusorisch, aber dieses Bild war es doch gerade, weswegen wir uns auf den Weg gemacht hatten. Schweren Herzens entschieden wir, den zweiten Part unserer Tour nicht zu gehen, es wäre sinnlos gewesen. Wie wir später von Treckern erfuhren, die von dort zum Refugio kamen, war die Sicht mehr als schlecht und der Weg eine einzige Quälerei, was unsere Entscheidung bestätigte. Also bestiegen wir wieder unsere Fähre, früher als geplant und machten uns auf den Rückweg nach Puerto Natales. Ein Trost, wir waren nicht die einzigen, die sich zum Rückzug entschieden hatten.
Im Regen ging es dann Richtung Puerto Natales, vorbei an den zahlreichen kleinen Lagunen, am Lago Nordenskjöld, Wolken statt Bergmassiv zur Linken, dafür aber wieder den lebendigen Zoo entlang eines Teils unserer Strecke; dieses Sauwetter konnte den Guanacos oder Nandus nichts anhaben. Ungemütlich war es wohl auch für einen Gaucho zu Pferd, seine drei Hunde und einen Hilfsgaucho auf einem Geländemotorrad, eine Schafsherde von vielen Hundert Tieren zusammenzuhalten und in die gewollte Richtung zu lenken.
Gegen 14:00 Uhr waren wir wieder in unserem Hostel, sehr enttäuscht, aber die Vernunft sagte, die getroffene Entscheidung war richtig. Solche Bilder, wie sie andere Trecker sehen konnten, hätten auch wir gerne mit unseren Augen und der Kamera aufgenommen – es sollte halt nicht sein.
So hatten wir dann genug Zeit, unsere Rücksäcke für die morgige Abreise zu packen.