Salta – la linda

Schien am Samstagabend der größte Teil der Bevölkerung in der Innenstadt auf den Beinen zu sein, waren am Sonntag bei gleißendem Sonnenschein die Straßen nahezu leer, Autoverkehr in einem Umfang, der an einen autofreien Sonntag vor vielen Jahren in Deutschland erinnert. Also beste Zeit, um entspannt die Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wir uns für einen Besuch ausgewählt hatten, anzusteuern. Wie immer dominiert das historische Zentrum ein großer Platz, diesmal der Plaza 9 de Julio , eingerahmt von Palästen, Prunkbauten, Kolonialbauten und natürlich einer Kirche, hier der Kathedrale. Der Platz selber, auch wie immer, war von den Bürgern in Beschlag genommen, aktuell in überschaubarer Zahl, was sich nachmittags und insbesondere abends spürbar verändert, wenn sich hier Gruppen treffen, flaniert wird, oder man entspannt auf einer der Bänke die Zeit genießt..

Die Kathedrale stand auf unserem Besuchsprogramm und wir hatten Glück : gerade war eine Sonntagsmesse mit für unsere Verhältnisse enormer Beteiligung zu Ende gegangen und wir konnten anschließend, wenn auch nur für kurze Zeit, die Kirche bestaunen. Nicht nur, daß hier auch ein Panteon zahlreicher historisch wichtiger Personen aus dem Norden Argentiniens, u.a. General Güemes, Platz gefunden hat, sondern es soll auch Altäre zweier Heiliger mit ihren Reliquien dort geben. Identifiziert wurde der Altar der Virgen del Milagro; zu ihrem Pendant auf der anderen Chorseite konnte ich noch keine Informationen erschließen. Weitere zahlreiche Altäre befanden sich in den Seitenschiffen, meist eher für unsere Verhältnisse kitschig gestaltet, was der gezeigten Frömmigkeit jedoch keinen Abbruch tat. Vor manchen Altären verharrten die Menschen minutenlang in innerer Einkehr, vor anderen ließen sie sich niederfallen, vor wiederum anderen, wie z.B. der Virgen del Milagro bildeten sich Schlangen, um an der Reliquie vorbeizugehen.

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Typisch für die hier vorgefundenen Kirchen, neben der Kathedrale besuchten wir die Iglesia San Francisco, daß insbesondere die aus dem 19. Jhd. stammenden in Bonbonfarben gestrichen waren. Wer es mag …; und am Abend waren dann die wichtigsten Kirchen beleuchtet, auch ein besonderes Bild; manchmal wurde dadurch der Kitschcharakter noch unterstrichen.

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Neben einem Spaziergang durch die historische Innenstadt, in der immer wieder Häuser/Hausfassaden aus der Kolonialzeit zu bewundern waren, standen aber auch, selbst in Innenstadtnähe, Objekte, die nur auf die Abrißbirne warteten. Das hat wohl auch einen besonderen Charme, dieses morbide.

Unsere Versuche, die angesteuerten Sehenswürdigkeiten auch wirklich zu besichtigen, waren bis auf eine Ausnahme, die Kathedrale, nicht erfolgreich. Selbst die Kirchen hatten keinen Tag der offenen, sondern ausdauernd Tage der geschlossenen Türen. Und in einem Fall, dem Museo de Bella Arte, das entgegen den uns bekannten Gepflogenheiten nicht montags, sondern sonntags geschlossen hatte, kehrten wir am Folgetag zurück – und wurden in diesem Fall durch eine eindrucksvolle Ausstellung insbesondere der Werke einer in Salta seit Jahrzehnten wohnenden und sehr bekannten Künstlerin,Telma Palacios, belohnt.

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Wir lernten auf diesem mehrstündigen Spaziergang viele der Innenstadtstraßen näher kennen, stolperten über manch aufgerissenen Bürgersteig, umkurvten hin und wieder Hundekot und klapperten nahezu alle Banken in Reichweite ab, um an Geld zu kommen. Alle Versuche mehr als 700 arg. Pesos, das sind nicht ganz 100 Euro, abzuheben scheiterten. Und dazu waren die meisten angesteuerten Geldausgabeautomaten auch nicht so gekennzeichnet, daß wir sicher sein konnten, bei Einsatz unserer Visa-Card nicht noch mit horrenden Gebühren belastet zu werden. Irgendwann stießen wir auf eine Banelco-Filiale, bei der m.E. auf einem Automaten ein Visaaufkleber sichtbar war – und hier schlugen wir zu. Ohne zu zögern gab der Automat bei vier Transaktionen immer den möglichen Höchstbetrag heraus, unsere Bargeldkasse war endlich wieder gefüllt. Und das ist nötig, denn das Restaurantpreisniveau z.B. kann mit den heimischen Preisen ohne Probleme mithalten.

Uns drückte erheblich unser “Kartenproblem”, in diesem Fall ist nicht die Kreditkarte sondern sind die fehlenden Straßenkarten gemeint. In der Hoffnung, der Argentinische Automobilclub verkauft vielleicht von der Qualität ähnliches Kartenmaterial, wie wir es auf chilenischer Seite bei der Tankstellengruppe COPEC vorgefunden hatten, machten wir uns am Montag zu Fuß auf den Weg, orientierten uns dabei an einem kleinen vom Tourismusbüro der Stadt herausgegebenen Stadtplan. Um Vergleichsmöglichkeiten zu haben, prüften wir die Angebote an Straßenkarten in diversen Buchläden, die auf dem Weg lagen. Nichts von dem Vorgefundenen, sowohl bei ACA als auch in den Buchläden überzeugte so wirklich, die Maßstäbe waren alle ziemlich groß, für eine Groborientierung brauchbar, aber Detailinformationen fehlten. Dennoch, weiter im Blindflug – nein danke; so klemmten wir uns dann ein Handbuch mit begrenztem Kartenmaterial vom ACA unter den Arm – ein Problem war damit weitestgehend gelöst.

Montagnachmittag standen dann 1074 Treppenstufen hinauf auf den Cerro San Bernardo auf dem Programm, quasi der Stadthügel von Salta, von wo aus die Möglichkeit einer Stadtübersicht besteht. Natürlich, wie in einer modernen Stadt, gibt es auch eine Aufstiegshilfe, den “Teleferico”, eine Gondelbahn, mit deren Hilfe und einigen Pesos man den Höhenunterschied von mehr als 200m überwinden kann. Der Weg hinauf zog sich, denn die Stufenpassagen wurden durch Passagen ansteigenden Pflasterweges unterbrochen. Ganz erstaunt waren wir, als wir schon zu Beginn unseres “Aufstieges” auf eine kleine Kapelle stießen, der im Verlaufe des Weges weitere folgten, insgesamt 14 an der Zahl, also ein Kreuzweg. Wir konnten lesen, daß dieser Weg dann auch als Prozessionsweg einmal im Jahr beschritten wird. Man kann nur hoffen, daß die die Prozession begleitenden Priester eine gute Kondition mitbringen.

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Die Stadt beherbergt auch ein Kloster der Schwestern des Carmeliterordens;  ihr Kloster ist nur von außen zu besichtigen – wir konnten beobachten, wie einem Handwerker fast verstohlen die Pforte geöffnet und sofort wieder geschlossen wurde. Ihr Klostergebäude, ein sehr schlichtes Gebäude, an dem das prunkvollste wohl die aus dem Jahr 1742 stammende verzierte hölzerne Eingangstür ist, soll aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammen und zählt damit zu den ältesten noch vorhandenen religiösen Bauten.

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Aus Angst, zu spät für eine erfolgreiche Quartiersuche in Salta anzukommen, sind wir bei der Anreise am Samstag mit Höchsttempo Richtung Süden gefahren und hatten dabei manch interessantes Ziel links oder rechts liegen gelassen – genug Gründe gab es, wieder in den Norden zurückzufahren, wenn auch als 1-Tagestour, um die Quebrada de Humahuaca aus der Nähe in Ruhe kennen zu lernen, schließlich ist dieses Tal/Schlucht in die Liste der Welterbekulturgüter aufgenommen worden. Ein Tal – Welterbe? Man muß es gesehen haben, um ein Urteil fällen zu  können. Vor allem die zahlreichen Farben des Felsgesteins waren wohl bestimmend für diese Entscheidung. So findet man z.B. im Ort Purmamarca einen Berg der sieben Farben, auch den galt es in Augenschein zu nehmen.

In unserem Quartier in Salta hatten wir ein Pärchen aus der Schweiz kennengelernt, Sabina und Lukas aus Luzern, die in den nächsten zwei Monaten primär per Bus Argentinien bereisen wollten. Als wir hörten, daß sie planten, einen PKW für die Fahrt in die Quebrada zu mieten haben wir angeboten, mit uns mitzufahren – also machten wír uns zu viert auf den Weg. Diesmal nahmen wir nicht den kürzesten Weg in den Norden und die Ausgangsstadt JuJuy, sondern fuhren durch eine selten besuchte an unsere Mittelgebirge erinnernde Berglandschaft auf schmaler Straße, die immer wieder neue Ausblicke bot. Die sehr kurvenreiche Straße kostete Zeit, aber gegen 13:30 Uhr waren wir dann in Purmamarca, unserem ersten eigentlichen Ziel. Nun, aus der Nähe betrachtet, wirken die farbigen Sandsteinfelsen schon, aber überwältigend war es nicht; das war auch das Fazit nach einer mehr als einstündigen Wanderung durch die farbige Gesteinslandschaft. Also weiter talaufwärts, nach Tilcara.

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Der Reiseführer wies hier neben einer typischen Ortsgestaltung durch die indigene Bevölkerung auf die “Garganta del Diablo” hin, einer kleinen tiefen Schlucht, zu der man in einer  mehrstündigen Wanderung oder über eine 8km lange schmale Geröllpiste den Berg hinauffahrend gelangen konnte. Zeitökonomie gebot, zum Ziel zu fahren. Und wieder mußte festgestellt werden, daß zwischen unserer Wahrnehmung und den überschwenglichen Schilderungen der Reiseführerverfasser große Differenzen bestehen. Ernüchtert machten wir uns auf die holprige Bergabstrecke. Der nächste Reiseführerhinweis sollte dann die Fahrt aus dem Feuer reißen. In der Nähe von Tilcara gab es eine Ortschaft indigener Bevölkerung aus präcolumbinischer Zeit, die z.Zt. archäologisch untersucht und in Teilen freigelegt ist. Gegen 16:30 standen wir am Eingang und mußten feststellen, daß für eine auch mit einem längeren Fußweg verbundene Besichtigung der Grabungsstätte nur eine gute halbe Stunde verblieb – zu wenig, damit es sinnvoll ist.

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Nun waren wir seit dem späten Vormittag unterwegs, das erhoffte Highlight unser Fahrt fehlte – ob die Weiterfahrt nach Humahuaca das schwache Ergebnis verbessern könnte? Nach einer guten halben Stunde Fahrt, immer wieder vorbei an den “bunten” Felsformationen erreichten wir das Ziel, oft als malerisch beschrieben mit seinem Kopfsteinpflaster, dem Leben auf den (?) Plätzen, dem ursprünglichen Leben seiner Bewohner. So richtig malerisch war der Ort nicht, eher verschlafen, sein Kopfsteinpflaster zwar vorhanden, aber oft ausbesserungsbedürftig. Geprägt wurde der Ort einerseits durch die in übergroßer Zahl vorhandenen Geschäfte mit kunstgewerblichen Artikeln, andererseits durch zwei, drei besondere Gebäude : dem Cabildo sprich dem Rathaus, seiner wieder einmal geschlossenen in weiß gehaltenen Kirche de la Candelaria y San Antonio, die 1641 durch die Spanier errichtet worden war und das Monument der Heroen der Unabhängigkeit. Und wie überall : auf dem zentralen Platz versammelte sich gegen Abend die Jugend, die Alten und die Polizei (ihr Quartier war direkt am Platz im Rathaus) zu einem Schwätzchen. Das Leben scheint hier sehr geruhsam vonstatten zu gehen; in einem Führer wird ausgeführt, daß der Ort zweimal am Tag zum Leben er/aufwacht – immer dann, wenn der Linienbus mit Touristen ankommt. Rückblickend betrachtet : die letzten 60km das Tal hinauf auf rund 2.700m in Humahuaca hätten wir uns sparen können.

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Bleibt noch nachzutragen, was es mit dem Titel “Salta – la linda” auf sich hat. Der Begriff “linda” wird hier nach unserer Wahrnehmung nahezu inflationär verwendet, alles ist linda (schön, hübsch). Auch die Stadt wirbt selber mit dem Slogan “Salta – la linda”. Resumiert man jedoch die gemachten Erfahrungen in Stadt und Umland, so liegt hier eine wirkliche Übertreibung vor, denn die Stadt hat sowohl schöne Seiten uns gezeigt, als auch offenbart, wie umfangreich die Probleme sind. Über große Teile der Kernstadt verstreut besteht immenser Bedarf, die häßlichen Seiten auszubessern, zu beseitigen. Salta war interessant, aber in überschwenglichen Jubel über das Vorgefundene können wir nicht ausbrechen.

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