Die Atacamawüste lebt – jeden Tag etwas mehr!

Die zwischen dem 18.  und dem 27. Breitengrad liegende Atacamawüste ist für Reisende reizvoll, sucht man doch nach Gelegenheiten Beweise dafür zu finden, daß die Wüste lebt – und sie lebt, nicht nur durch die sich im Zuge der Evolution genial an die extremen Bedingungen angepasste Tier- und Pflanzenwelt, die zwar von geringer Zahl, dafür aber umso widerstandsfähiger den Bedingungen trotzt, sondern nahezu täglich kommen Vertreter einer anderen Spezies hinzu, die sich ober- und unterirdisch zum Bestandteil der Wüste machen, der Mensch in seiner besonderen Ausprägung als Minenarbeiter, Explorateur, Bergbauingenieur, Maschinenfahrer etc..

Nun ist bekannt, daß in Chiles Wüste vor gut 100 Jahren intensiv Salpeter abgebaut wurde; ganze Städte sind damals entstanden – und später, als der Boom auf Grund künstlich hergestellter Düngemittel komplett einbrach – auch wieder aufgegeben worden. Zeugen davon haben wir zahlreich entlang der Straße von Antofagasta nach Calama sehen und besichtigen können. Lange ist das her, aber der damalige Boom wird von der derzeitigen Suche nach und Förderung von Bodenschätzen in der Atacama weit in den Schatten gestellt. Der Hunger der Welt nach Rohstoffen will befriedigt werden, und Chile kann hier eine große Rolle spielen; denn neben Kupfer, Gold, Silber, werden auch seltenen Erden gefunden und gefördert- Die Bedeutung, die die Rohstoffförderung und Verarbeitung für Chiles Wirtschaft und den Staatshaushalt hat, ist enorm, kaum vorstellbar, wie es in Chile aussehen würde, wenn die Atacamawüste sich nicht als Lottogewinn für den Staat herausgestellt hätte.

Schon früh sind wir ersten Gruben begegnet, und zwar auf unserer Pistenfahrt von Combarbala nach Tehaluén sahen wir wiederholt Grubeneingänge im Fels, kleine Abraumhalden vor dem Stolleneinstieg, kleine Pisten, die hinauf zum Einstieg führten und manchmal auch ein Dreibein mit Umlenkrolle, der Förderturm chilenischer Bauart, wenn in die Tiefe vorgetrieben worden war. Nirgends war große Technik feststellbar – offensichtlich  Gruben von kleinen Kooperativen, die ihr Glück im Bergbau suchen. Die hier durchfahrene Region ist bekannt für Lapislazuli, ein Halbedelstein, der in zahlreichen kleinen Manufakturen zu Schmuck verarbeitet wird.

Wenig nördlich von La Serena bei Puerto de Choros begegneten wir dem ersten riesigen Tagebau, bei dem ganze Berge abgetragen, versetzt werden, eine riesige Region unter den Umweltbelastungen leidet. Und von da an nahmen wir auf unserer Fahrt ein Vielfaches mehr an Hinweisen auf Abzweigungen zu Minen wahr, als Ortsschilder sichtbar wurden. Der Bergbau boomt, die hier liegenden zentralen Orte wie z.B. Copiapo, El Salvador oder Calama wachsen in kurzer Zeit enorm, haben Schwierigkeiten, die notwendige Infrastruktur für die Zugezogenen, in der Regel nur die Männer, die Familien vieler Arbeiter bleiben in der alten Heimat im Süden, bereitzustellen.

Das Heben des Schatzes scheint hier allerhöchste Priorität zu haben, Umweltfragen haben hintenan zu stehen. Rücksicht auf Naturschutz, nur dort, wo die wirtschaftlichen Interessen nicht tangiert werden. Der Salar de Atacama ist etwas einzigartiges, eigentlich selbstverständlich, wenn mit Blick auf die Bedeutung für die Tierwelt, z.B. als Aufenthaltsort und Zwischenstation auf ihren Reiserouten für einige Vogelarten wie die Flamingos das gesamte Areal unter Schutz gestellt und der staatlichen CONAF, der für die Nationalparks zuständigen staatlichen Behörde, komplett anvertraut würde. Dem ist leider nicht so, lediglich ein kleiner Teil, einige der offenen Wasserflächen mit etwas Umland, in denen sich  kleine Flamingokolonien aufhalten, wurden als Nationalpark ausgewiesen. Und im Abstand von einigen Anstandskilometern wird dann schon fleißig nach dem Gold der Atacama geschürft, werden die Schätze gehoben.

Ich will nicht verschweigen, die Minen haben unter bestimmten Gesichtspunkten auch eine positive Wirkung. Ohne die Existenz großer Minen würden gerade im Nordteil Chiles manche Straßen nicht existieren, andere in noch schlechterem Zustand als vorgefunden bestehen. Das Eigeninteresse der Minenbesitzer ist so groß, daß in vielen Fällen die vorhandenen Wege so ausgebaut und dann auch unterhalten werden, daß schwere LKW ihre Last gen Westen, zu den Häfen fahren können und Materialnachschub die Minenorte erreicht. Deutlich sichtbar ist auch der Nutzen für die insbesondere Pickups herstellende Automobilindustrie. In manchen Regionen begegneten uns mehr rote Pickups als andere Fahrzeuge. Die rote Farbe weist in den meisten Fällen – auch wir tragen rot (!) – auf ihren Einsatz für und in den Minen hin. Zu Recht haben die Minenarbeiter einen Anteil an den Gewinnen der Minengesellschaften durch vergleichsweise gute Löhne erstritten, ist ihre Arbeit doch hart, gefährlich und lebensverkürzend. Verständlich, wenn dann auch Statussymbole angeschafft werden, meistens in Form großer Schlitten, insbesondere aufgemotzte Pickups, in denen insbesondere die Jüngeren dann durch die Ortschaften cruisen. Es scheint, als ob diese Pickups hier das sind, was bei uns der Golf ist – das alles dominierende Fahrzeug.

Die Wüste wird umgegraben, ein Schatz gehoben – leider partizipieren nur einige und dann auch nur für eine begrenzte Zeit von diesem Geldsegen. Mir ist nicht bekannt, daß in Chile die aus den endlichen Bodenschätzen gewonnenen Staatseinnahmen Rücklagen, wie z.B. in Norwegen, für die künftigen Generationen gelegt werden, die dann eine geplünderte Atacama vorfinden und weniger Zukunftschancen haben.

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