Chile und Argentinien sind Länder mit erheblicher Ausdehnung, dies muß man bei der Planung von Tagesreisen berücksichtigen. Als wir uns am 19.10. um 9:00 Uhr aufmachten, um über den Paso de Jama (Höhe 4.406m) nach Argentinien weiter zu reisen, gingen wir von einer langen aber auch langweiligen Fahrt aus. Wir irrten uns, mußten aber am Tagesende feststellen, wie gut es war, am Vorabend noch schnell über das Internet unser Quartier in Salta gebucht zu haben.
Liegt San Pedro de Atacama schon auf gut 2.400 m, ging es in den kommenden drei Stunden den Altiplano hinauf zur Grenzstation direkt hinter dem Paso de Jama stetig bergauf, manchmal in steilen Serpentinen, manchmal stetig ansteigend in einer weiteren Hochebene, manchmal verloren wir auch wieder gewonnene Höhenmeter, nachdem die nächste Bergkuppe überwunden war. Hatten wir in den zurückliegenden drei Tagen die östlich unseres Standortes gelegene Bergkette zur Genüge studieren können, gewannen wir auf unserer Fahrt völlig neue Ein- und Ausblicke auf die Giganten, teilweise Vulkane, teilweise nur “einfache” Berggipfel. War der den Ort San Pedro überragende und für die Atacamawüste oft als prägend dargestellte Vulkangipfel Lincancabur, Berg des Volkes in Aymara genannt (5.920m), von Westen aus nahezu ohne Schneeauflage, wiesen seine nach Süden gerichteten Flanken zahlreiche Schneeflächen auf, wirkte der massive Berg wieder anders als von der Talseite aus betrachtet.
Im Verlaufe der vielstündigen Fahrt hatten wir nicht nur ungeahnte Ausblicke auf die sich ständig ändernde Berglandschaft, sondern ebenso immer wieder “Begegnungen” mit der Tierwelt dieser kargen Region. In der Region zwischen etwa 2.800 – 3.500m nahm die spärliche Vegetation wieder zu, begünstigt durch die zunehmende Feuchtigkeit der Höhenlage, gespeist aus dem Schmelzwasser der Bergwelt. Zwar gab es nie einen grünen Teppich, jedoch standen die harten Grasbüschel und sonstige Flechten immer dichter, wodurch offensichtlich genügend Nahrungsgrundlage für Vicunas, Lamas, Ziegen und später, auf argentinischer Seite auch Schafe bestand. Sahen wir, teilweise nah an der Paßstraße anfangs vereinzelt kleine Gruppen von Vicunas, nahm mit zunehmenden Abstand zu San Pedro und steigender Höhe die Gruppengröße der wild lebenden Vicunas zu. So mußten wir öfter einen Fotostop einlegen. Lamaherden kreuzten die Straße; ihre Markierungen an den Ohren wiesen auf ihre Besitzer hin. Putzig, wenn sie aufmerksam, die Ohren steil aufgestellt beobachteten, wie sich die unbekannten Wesen an der Strasse verhalten. Konnten wir vor zwei Tagen bei unserem Besuch Laguna Chaxa , einem Bereich, in dem sich zahlreiche Flamingos aufhalten sollten, nur wenige Exemplare teilweise in großer Entfernung ausmachen, hatten wir auf den ersten 200km von San Pedro in die Berge hinein mehr Glück.
Mehrfach passierten wir kleinere und größere Salzseen im Nationalpark Los Flamencos, in denen zahlreiche Flamingos nach Nahrung fischten, in Höhen von 3000m und mehr! Manchmal gesellten sich auch Vicunas dazu, die diese Wasserflächen als Tränke nutzen.
Auch das dritte Wüstentier bekamen wir zu Gesicht, leider in einem anderen Zustand, als dieses es sich gewünscht hätte – plötzlich lag vor uns auf der Straße ein überfahrener Wüstenfuchs. War wohl nicht listig genug oder sehr schlecht bei Fuß der kleine Kerl. In den drei Stunden Fahrt bis zur Grenzstation hatten wir das Glück,mehr der hier heimischen Tiere zu sehen als in der vorangegangen Woche, ein schöner – vorläufiger – Abschluß unserer ersten zwei Reisewochen.
Hochachtung nötigte uns die Anpassungsfähigkeit von Fauna und Flora in dieser unwirtlichen Umgebung ab. Große Flächen sind versalzen, dennoch gedeihen hier kleinste Sträucher, finden in der Hochebene lebende Tiere hier ihre Nahrung, kommen z.B. auch Vicunas mit dem salzigen Wasser der Hochlandseen zurecht.
Wie hoch wir während unserer Fahrt hinaufkamen belegen auch die zunehmenden, wenn auch insgesamt spärlichen Schneefelder und die Schneereste am Straßenrand. Kein Wunder, wenn die Paßstraße im hiesigen Winter für sämtlichen Verkehr gesperrt ist.
Nach geschätzten 20-25 Fotostops erreichten wir nach fast dreistündiger Fahrtzeit den Paß, konnten einen letzten Blick auf den hier sich ausbreitenden Salzsee werfen, und kurz danach die gemeinsame Grenzstation von Chile und Argentinien. Aufwendige Grenzprozeduren waren zu erledigen, insbesondere wegen unseres Mietwagens, aber nach etwa 20 Minuten und einen Blick der Grenzpolizisten auf die Ladefläche unseres Pickups ging es dann hinein und hinunter nach Argentinien.
Geplant war, an der hinter der Grenze befindlichen Tankstelle uns mit aktuellen Straßenkarten Argentiniens auszustatten, um einen weitgehenden “Blind”flug zu vermeiden. Tanken hätten wir können – aber mussten wir nicht –, aber eine Straßenkarte – Fehlanzeige; vielleicht im nächsten Dorf, das aber auch unendliche Kilometer landeinwärts lag. Wir wußten, daß die von uns befahrene Straße zuerst nach Jujuy führen würde, von wo aus es dann weitere 120 km nach Salta, unserem nächsten Stop wären, es jedoch eine Abkürzung von über 100km gibt, wenn wir eine nach Süden führende Piste nutzen, die uns auf eine südlicher verlaufende direkt nach Salta führende Bundesstraße bringen würde. Soweit die Theorie, aber in der Praxis benötigen wir, um bei den schlecht ausgeschilderten Straßen die richtige Abzweigung nehmen zu können verläßliches Kartenmaterial. Und so fuhren wir auf unserer schönen Teerstraße gen Osten und hielten die Augen nach einem Hinweisschild in Richtung Salta offen, konnten aber keines erkennen. Nach 64km durch das Altiplano auf argentinischer Seite, das anfangs dem bekannten Bild auf chilenischer Seite entsprach, dann aber zunehmend grüner wurde, trafen wir auf eine Ortschaft, Susques, wo wir endlich nachfragen konnten. Natürlich wurden wir weiter auf die alte Strecke nach Jujuy geschickt. Wie wir später feststellen konnten, auch zu Recht, denn die Alternative, die wir verpassten, hätte gute 140 Schüttelkilometer auf schlechter Piste bedeutet. So hatten wir zwar, in Salta angekommen, statt knapp 500km über 600km Fahrt hinter uns gebracht, diese waren jedoch deutlich entspannter zu bewältigen als auf der alternativen kürzeren Strecke.
Susques, eine kleine Gemeinde, ist geprägt durch seine wie an einer Perlenschnur die wenigen Straßen entlang aufgereihten Adobehäuser, geduckt, kleine Fenster, braune Ziegel, strohgedeckte Dächer, Straßen, die aus festgefahrenem Boden bestehen, einzelnen nahezu vertrockneten knorrigen Bäumen, die versuchen, der Vegetationszeit folgend auszuschlagen und zu grünen und kaum einer Menschenseele auf den Straßen. Wann immer wir durch derartige Dörfer kamen, die weit abgelegen ihr Dasein fristeten fragten wir uns, wovon die Bewohner eigentlich lebten. In den ariden Bereichen, die wir in der vergangenen Woche durchfahren hatten, war im allgemeinen nur sehr eingeschränkt eine rudimentäre auf Selbstversorgung ausgerichtete Landwirtschaft möglich, konnten kleine Viehbestände gehalten werden; besser die Situation in den Oasen, aber Susques liegt in keiner Oase. Eine Antwort kennen wir nicht, die immer wieder in den Ortschaften zu sehenden verfallenden und unbewohnten Häuser sprechen ihre eigene Sprache – auch die Bevölkerung des Altiplano beiderseits der Grenze nimmt Reißaus.
Wie wir so ab der 5./6. Fahrstunde bemerkten, hatte die “Umweg”strecke nicht nur den Vorteil einer asphaltierten Straße, sondern bestach auch durch seine “einzigartige” Landschaft. Nahezu stundenlang ging es oft stupide geradeaus, ab und an ein kleiner Schlenker, aber wir blieben fast 160 km auf der gleichen Höhe bei zunehmender Vegetation und erkennbar umfangreicherer Viehhaltung. Und dann bemerkten wir auch am Straßenrand einzelne Bauernhäuser, auf deren Dächern sich ein Solarpanel befand – zumindest die Stromversorgung war gesichert, der Raubbau an der Natur bei der Suche nach Feuerholz konnte damit vielleicht reduziert werden, auch meilenweit von der nächsten Stadt entfernt, konnten so einige Familien am technischen Fortschritt teilhaben. Auf der anderen Seite steht aber die Wasserversorgung aus einem Ziehbrunnen.
Und dann kam insbesondere Katrin noch zur Bekanntschaft mit einem richtigen Salzsee, den Salinas Grandes auf argentinischer Seite. Eigentlich hatte ja der Besuch des Salar de Uyuni auf bolivianischer Seite auf unserem Plan gestanden. Mit eigenem Fahrzeug oder per Bus möglich, nicht aber mit einem Mietwagen – striktes Verbot, die bolivianische Grenze zu überqueren, da die Fahrzeuge dort offenbar schneller mit neuen Papieren umdeklariert werden können als dem Vermieter recht sein kann. In San Pedro klärte Katrin dann die Alternative einer von dort organisierten Rundfahrt über 4 Tage mit einem ernüchternden negativen Ergebnis. Um so erfreulicher, als plötzlich vor uns eine riesige weißglänzende Fläche auftauchte und beim Heranfahren auch erkennbar wurde, daß hier, wie in Bolivien, Salz abgebaut wurde. Wir waren an den Salinas Grande angekommen, durch den auf einem Damm die Straße führte. In der Ausdehnung zwar nicht mit dem Salar de Uyuni zu vergleichen, dennoch sehr beeindruckend, auch interessant wahrzunehmen, wie hier die Salzgewinnung manuell erfolgt.
Und dann kam ein weiterer Höhepunkt unserer heutigen Fahrt. Nachdem wir uns an einem Talende durch wie wir glaubten unzählige U-turns in die Höhe schrauben mussten, ging es kurz nach der Überquerung der Passhöhe der Cuesta de Lipan (rund 4.100m hoch)) fast 1200m in wirklich unendlichen Serpentinen hinunter ins Tal. Wann immer wir, wenn es denn möglich war, einen der sehr langsam vor uns fahrenden schwer beladenen LKWs überholten, nahmen wir den Geruch von verbranntem Bremsgummi wahr, zumindest kam uns immer dann eine überriechende Duftwolke in die Nase. Diese Strecke forderte von Mensch und Maschine wirklich viel ab – und erst die bergauffahrendem LKWs! Im ersten Gang quälten sich die wenigen Exemplare, denen wir begegneten, zur Paßhöhe hinauf. Immer wieder taten sich eindrucksvolle Einblicke in das Tal auf, eine tiefeingeschnittene Schlucht mit bizarr geformten Felsformationen. Und dann öffnete sich der Einschnitt zu einem kleinen aber grünen Tal – wir waren in Purmamarca angekommen, ein kleines Städtchen, in das sich, wie die zahlreichen Hotels ausweisen, nicht nur Durchreisende verirren. Und dann am Ausgang des Ortes nahmen wir in der Ferne mehrere Bergrücken mit unterschiedlichen Farben wahr; nicht nur das allseits bekannte Braun war sichtbar, sondern Rottöne prägten die Felsen ebenso wie Grau- und Grüntöne. Manche Reiseführer weisen auf insgesamt sieben Farben hin, die diese Felsen aufweisen sollen.
Der Rest des Tages verging dann wirklich wie im Flug, denn die Zeit drängte und wir wollten möglichst vor Dunkelheit unser Quartier in Salta erreicht haben. So nahmen wir mehr aus den Augenwinkeln die große Breite der bis auf ein kleines Rinnsal nur aus Geröllmassen bestehenden Flußbette des Rio Grande und der zuströmenden Nebenflüsse wahr.
Und immer noch hatten wir weder Karte noch Stadtplan von Salta, einer Stadt mit 500.000 Einwohnern, d.h. mal eben reinfahren und nach dem Quartier suchen war keine erfolgversprechende Strategie. Gut 10km vor dem Stadtzentrum dann ein mautpflichtiger Straßenabschnitt und ein Hinweis auf eine Touristeninformation an dieser Stelle. Obgleich im allgemeinen auch samstags die Geschäfte in Argentinien bis 20/21:00 Uhr offen sind, die Infostelle hier vor Ort war verwaist. Zu unserem Glück hing im Fenster ein übersichtsartiger Stadtplan von Salta. Wir entschieden uns ins Zentrum zum zentralen Platz, hier Plaza 9. Julio, zu fahren und von dort aus das Quartier anzusteuern; also mußten wir nur noch die Teile des Stadtplanes “abmalen”, die uns an unser Ziel führen. Und wir kamen, wenn auch über Umwege, weil Einbahnstraßen zu beachten waren, an unser Ziel, das Hostel Salta por siempre.
Hatten wir schon beim Durchqueren des Stadtzentrums die Menschenmassen, die sich durch die Straßen schoben wahrgenommen, wurden wir, auf der Suche nach einem Restaurant am Abend dann förmlich durch die Straßen geschoben. Es hatte den Anschein, als ob alle Bewohner der Stadt sich auf den Weg in die Innenstadt gemacht hatten, um entweder nur zu Schaufenstern oder gleich die Läden leerzukaufen.