Al Fin del Mundo – nicht ganz, aber fast!

P1070984

Nun liegt Punta Arenas ziemlich am südlichen Ende Südamerikas, aber nur ziemlich. Der eigentlich südlichste Punkt des südamerikanischen Kontinents liegt südlich von Punta Arenas und kann in einem, wie es heißt anstrengenden, Fünftagestrecking erreicht werden; es ist das Cruz de los Mares. Weiter südlich liegt dann nur noch Feuerland/ Tierra del Fuego mit Ushuaia als größter Stadt; und dann ist immer noch nicht das Meer erreicht, weitere, zahlreiche Inseln auf chilenischem Hoheitsgebiet folgen noch, bis man ganz im Süden bei dem berühmt-berüchtigten Kap Horn angelangt ist. Weder das Cruz de los Mares noch Kap Horn waren unser Ziel  – obgleich, als Segler wäre Kap Horn zu umsegeln ein Traum (!) –, aber Südamerika ohne Feuerland wäre eine nicht ganz vollständige Reise.

So lichteten wir dann am 16.12. den Anker und steuerten in Richtung Ushuaia. Sehr viel Neues konnten wir während der über 600 Kilometer langen Fahrt nicht sehen. Die ersten Streckenkilometer aus Punta Arenas hinaus war immer wieder ein Blick auf die hier doch sehr breite Magellanstraße möglich, auf der kaum Schiffsverkehr zu beobachten war. Später ging es etwas landeinwärts und die endlose Weite hatte uns wieder eingefangen. Man hatte den Eindruck, sämtliche Flächen, gleich ob eben oder leicht hügelig, wären rasiert worden, nur sehr wenige vorwitzige Bartstoppeln hatten die Rasur überlebt. Die glatten Flächen wurden zunehmend genutzt, überwiegend von großen Schafherden, seltener von Nandus.

P1080462P1080429

Als wir uns bei etwa Kilometer 160 wieder der Magellanstraße annäherten, tauchten entlang der Straße eine ganze Reihe heruntergekommener Gebäude auf, die mein Interesse weckten. Ausgestiegen und herumgelaufen stellte sich heraus, es handelt sich um die Estancia San Gregorio. Teile der verwahrlosten Gebäude werden immer noch genutzt. So fand ich in der ehemaligen Garage zahllose Ballen mit Schafswolle, die ehemalige Schurhalle wird immer noch zum gleichen Zweck genutzt – ein Dutzend Schafscherer machte gerade Pause, während in den Boxen dicht zusammengedrängt Tiere auf ihre Körperpflege warteten. In einem Außengatter liefen eine große Anzahl geschorener Schafe herum, hinter weiteren Gattern wartete ein sehr viel größere Zahl Schafe auf ihre Sommerschur. Und unweit des umfangreichen Gebäudekomplexes war am Strand dann ein havariertes Lastenschiff zu “besichtigen”, das hier gestrandet war, auch ein Hinweis darauf, daß von der Estancia die Wolle direkt verschifft worden ist.

P1080460P1080435P1080438P1080455P1080458P1080457P1080442P1080444P1080436

Bald darauf fuhren wir auf Punta Delgada, dem Fährort für ein Übersetzen nach Feuerland, zu. Eine große Schlange an LKWs wartete auf die Passage, die Anzahl der anstehenden PKWs war überschaubar. Wir hatten Glück und kamen mit der nächsten Fährfahrt mit. Die Meerenge beträgt hier nach meiner Erinnerung nur gut 4,5sm, das sind gut 7 Kilometer.

P1080468P1080466P1080470P1080478

Auf Feuerland konnten wir hinsichtlich der Landschaft anfangs keine Veränderung gegenüber dem Festland feststellen; sogar Guanakos waren hier anzutreffen. Doch nach und nach mit der Annäherung an die argentinische Grenze nahm die Bewaldung zu,  waren nicht mehr alle Erhebungen kahlrasiert.

Bei San Sebastian (sowohl auf chilenischer als auch argentinischer Seite heißt der Grenzort gleich, obwohl etwa 10 Kilometer auseinander liegend) wechselten wir von Chile nach Argentinien und fuhren, nachdem die letzten gut 120 chilenische Kilometer eine Schotter- und Erdpiste waren, auf geteerter Straße unserem Ziel entgegen. Die Estancias blieben groß. Neu war die Beobachtung, daß wir uns in einer Art Emsland  befanden, denn zu beiden Straßenseiten tauchten immer wieder Ölförderpumpen auf, befanden sich in größeren Abständen Batterien von Öltanks, sogar eine entsprechende Fabrik war in respektvollem Abstand zur Straße in Betrieb, waren über lange Strecken Rohre durch das Land gezogen worden.. Nun war uns auch klar, was es mit den von uns im Dutzend überholten LKWs auf sich hatte, die alle irgendwelche Rohre, Gestänge, Maschinen, Bohrgestänge (?) transportierten.

P1080480P1080484P1080485

Und wieder wurden zahlreiche Stempel in unsere Pässe gedrückt, die Fahrzeugpapiere intensiv geprüft und mit den bereits erfassten Daten früherer Grenzübertritte verglichen, nicht immer ging das wirklich schnell über die Bühne. Dann strebten wir zügig unserem Ziel Ushuaia entgegen, gut 330 Kilometer Strecke lagen noch vor uns und der Nachmittag hatte bereits deutlich begonnen. Da blieb wenig Zeit für Zwischenstops, Fotostops, maximal kurze Pinkelpausen konnten wir uns zugestehen. Wir waren hierin eisern, bis wir das Weideland und den Atlantik hinter uns gelassen und zunehmend wieder in bergiges Gelände und bewaldete Zonen hineinfuhren. Dann lag er plötzlich vor uns, der Lago Fagnano, dessen größter Teil Argentinien zuzurechnen ist und nur ein kleiner Zipfel im Westen in Chile liegt. Umgeben von Wald an manchmal sehr steil aufsteigenden Bergflanken lag er da. Seine Dimension konnten wir erst so richtig wahrnehmen, als wir, kurz bevor die Straße sich wieder vom See wegwandte, anhielten, um zu schauen. Schön war das Bild.

P1080495P1080500

Kurz danach hatten wir die Passhöhe überschritten und rollten die nächsten gut 45 Kilometer dem Meer und Ushuaia entgegen. Gegen 20:00 Uhr waren wir, endlich, am Zielort, hatten aber noch kein Quartier. Die in der Tourismusinfo erhaltenen Auskünfte und Unterlagen stellten sich ebenso wenig als große Hilfe heraus, wie die im Reiseführer enthaltenen Angaben; in einigen Fällen existierte die Herberge nicht mehr, in einem anderen Fall wurde seit Jahren nicht mehr vermietet – alles Angaben aus einem Werk, das im Juni 2013 in 8. und überarbeiteter Auflage erschienen ist! So fuhren wir mehr oder weniger systematisch die innerstädtischen Straßen ab, hielten hier und da, wo ein Schild auf eine Herberge hinwies, an, fragten nach und schüttelten bei den aufgerufenen Preisen den Kopf. Welche Übernachtungspreise hier für das unscheinbarste kleine Zimmerchen und oft in einem nicht sehr überzeugenden Zustand verlangt werden, überstieg dann doch unsere Schmerzgrenze. Für 100 Euro hätten wir in anderen Städten eine Luxussuite beziehen können, hier reicht es zu einem kargen Zimmer. Lange dauerte die Suche, die Uhr ging auf 22:00 Uhr zu,bis wir per Zufall an einer Ampel stehend neben uns einen Hostalhinweis fanden. Nachgefragt und das überteuerte Angebot dann angenommen, uns blieb kaum etwas anderes übrig. Und wie zur Bestätigung des Nepps, das Frühstück fiel trotz des Hammerpreises so kärglich aus wie kaum eines zuvor. Das einzig positive an unserer Bleibe, der Blick aus unserem Fenster über die Stadt auf den Beagle-Kanal.

P1080501P1080502P1080515P1080517

Am 17.12. begrüßte uns morgens schon sehr trübes Wetter, typisch für eine am Meer gelegene Stadt, insbesondere, wenn dies auch noch in Feuerland ist; hier wechselt der Wetterzustand sehr schnell, mit Regenschauern muß man immer rechnen, hat aber  zugleich die Hoffnung, die Sonne bald wieder zu sehen. Wie immer steht am Anfang eine Stadterkundung und die Beschaffung von Informationen. Insbesondere geht es um die verschiedenen Möglichkeiten, den Beagle-Kanal zu befahren. Ich hatte großes Interesse an einem Segeltörn, der hier auch angeboten werden soll. Die über die Touristeninformation bereitgestellten Infos waren sehr dürftig, die in den am Hafen stehenden Verkaufsbüdchen der diversen Veranstalter von Bootsfahrten gegebenen Auskünfte auch sehr ernüchternd. Angebote für Segeltörns gab es, aber keine konkrete Information wann und wo; dies machte der Kapitän wohl vom Wetter abhängig. Keine tollen Aussichten, sich einen Traum zu erfüllen. Zu diesen unbefriedigenden Aussagen kam dann noch ein immer schlechter werdendes Wetter hinzu, es regnete sich ein und trieb uns zurück in unser Hostel. Bei Dauerregen eine Stadt zu erlaufen macht wenig Spaß, also warteten wir auf eine Wetterbesserung und begannen, die verbliebene Zeit zu verplanen, Infos über das Netz einzuholen. Bis zur Rückgabe des Fahrzeuges haben wir noch 2 1/2 Wochen Zeit, neue Ziele ins Visier zu nehmen und anzusteuern. Wie kommt es dazu, soviel Zeit im “Überfluß” zu haben?  Ganz einfach : unser ursprünglicher Plan, den Salar de Uyuni zu bereisen, mussten wir, wie geschildert, beerdigen, d.h. die dafür vorgesehenen maximal 6 Tage stehen für andere Pläne zur Verfügung; die Reise in den äußersten Norden Chiles, für den ebenfalls eine Woche veranschlagt war, haben wir gestrichen, da die dabei zu bereisende Landschaft nur zu Depressionen bei uns geführt hätte. Also heißt es jetzt, sich neue Ziele zu setzen, Ziele, die auf unserer Rückfahrt nach Santiago angelaufen werden können und die lange Fahrtstrecke in erträgliche Teilstücke unterteilt. Da es noch so viele Regionen insbesondere in Chile gibt, deren (Kurz)Besuch uns reizt, war es nicht so schwer, die restlichen Tage in Südamerika sinnvoll zu füllen.

Am Nachmitttag hatte der Regen nachgelassen, so daß wir unseren Erkundungsgang nachholen konnten. Einen Schönheitspreis hat diese Stadt nicht verdient. Am Meer liegend und dahinter dann die aufsteigenden Berge bestimmen das Stadtbild, das durch teilweise steil ansteigende Straßen, manchmal auch durch entsprechende Treppen, geprägt ist. Aber noch deutlicher stechen die Holzhäuser, oft in einem mehr als sanierungsbedürftigen Zustand, bestimmend heraus. Manches sieht nach Behelfsbau aus, manchmal entstanden auch vorzeigbare Objekte, manche Altbauten wurden ansprechend saniert. Insgesamt wirkt die Stadt eher schmuddelig als anheimelnd, Hafenstadt eben. Daß der Tourismus eine wichtige Säule und Wirtschaftsfaktor für die Stadt darstellt, sieht man in der Innenstadt auf Schritt und Tritt, ohne daß damit ein Bild entsteht, wie es z.B. in Calafate gegeben ist.

P1080503P1080509P1080512P1080514P1080513

Wir hatten uns dazu entschieden, nur noch einen Tag, d.h. den 18.12., in dieser Stadt zu bleiben. Am Vormittag machten wir uns auf den Weg, an den Fuß des Gletschers Martial zu kommen. Eine kurze Fahrt aus der Stadt heraus brachte uns an die Talstation eines kleinen Sesselliftes. Im Gegensatz zu den Einheimischen, die die “Aufstiegshilfe” auch beim “Wandern” benutzen, liefen wir die knapp 30 Meter breite Piste hinauf. Auch von der “Berg”station des Liftes war es noch eine gute Strecke Weges, die uns anfangs auf normalem schmalen Weg, später über Geröll und Schnee zwischen zwei Gletscherzungen führte. Wir standen dann nach 1 1/2 Stunden Wandern wirklich auf einem Gletscher, leider mit schlechter Sicht, denn in den Wolken. Das mögliche Panorama blieb uns versagt.

P1080519P1080520P1080521P1080524P1080526P1080527P1080531

Für den Nachmittag hatten wir uns vorgenommen, entweder per Segelschiff oder mit einem normalen Ausflugsboot einige Stunden auf dem Beagle-Kanal zu schippern. Zwar fanden wir einen Anbieter/Vermittler für eine Fahrt auf einem passablen Segelboot, da das Büdchen aber erst wieder ab 15:00 Uhr besetzt sein sollte, sämtliche andere uns bekannten Bootsausflüge aber zu dieser Zeit den Hafen verlassen, gab es keine Chance, die Realisierbarkeit meines Traumes zu prüfen, wollten wir nicht mehr leeren Händen, sprich ohne Bootsfahrt dastehen. Zudem ließ die glatte Oberfläche des Beagle-Kanals nur geringe Windstärke vermuten. So kauften wir dann Tickets für eine Bootsfahrt, die uns in 3 1/2 Stunden über den Beagle-Kanal, rund um einen Leuchtturm, zu mehreren Inseln mit Pinguinen, Seelöwen sowie einer Insel für einen kurzen Landausflug brachte. Gesehen haben wir also viel, gesehen haben wir aber auch, wie zwei Segelboote um 15:00 Uhr am anderen Ende des Hafens die Leinen losmachten und in See stachen. Da wäre ich gerne dabei gewesen, denn, wie sich zeigte, der Wind reichte aus, um gut Fahrt über Grund zu machen.

P1080532P1080632

Unser Schiff legte dann um 15:30 Uhr ab und steuerte als erstes eine im Kanal aber auf argentinischem Hoheitsgebiet liegende Insel an, auf der sich unzählige Magellanpinguine niedergelassen haben, diesen Flecken Erde aber mit Seemöwen sich teilen müssen. Dabei war manchmal ein Streit insbesondere um geeignete Nistplätze oder erbeutetes Nistmaterial festzustellen.

P1080542P1080562P1080566

Anschließend wurde der Ruheplatz einer kleinen Gruppe von Seelöwen angesteuert, die sich jedoch durch das sich ihnen nähernde Motorboot in keiner Weise in ihrer Ruhe stören ließen. Die Kolosse lagen einfach dick und fett auf den Felsen und dösten vor sich hin. Etwas mehr Aufmerksamkeit, die eine oder andere Aktion hätten wir für unser Geld schon erwartet. Als wir schon am abdrehen waren, machte sich einer der offensichtlich älteren Seelöwen auf den Weg zu einem anderen Ruheplatz.

P1080572P1080574P1080575P1080577

Der halbstündige Landgang auf einer kleinen Kanalinsel diente wohl im wesentlichen dazu, die Fahrtzeit auf eine für den bezahlten Preis angemessene Länge zu bringen. Botaniker hätten sicherlich mit Interesse die dort zu findende Vegetation auf Feuerland näher unter die Lupe genommen. Der Nichtbotaniker, wie ich, mußte sich mit einigen Aufnahmen der gesehenen Pflanzen und den Weitblick auf die sich auf chilenischem Gebiet befindliche Darwin-Kordillere begnügen.

P1080583P1080592P1080587P1080597P1080585P1080599

Dann ging es mit großem Tempo auf den östlich von Ushuaia auf einer Insel stehenden Leuchtturm zu, der weiterhin in Betrieb und für die Kanaldurchfahrt wichtig ist. Hier versammelten sich alle die Tiere, die wir bereits vorher auf unserer Bootsfahrt ausführlich betrachten konnten. Neben einer großen Kolonie von Pinguinen lagen auch hier eine nennenswerte Anzahl von Seelöwen faul auf ihrer Haut, die Seemöwen, wenn sie sich nicht gerade auf dem Inselchen ausruhten umkreisten die Spitze des Leuchtturmes und einen (!) Kormoran haben wir auch gesichtet.

P1080606P1080628P1080613P1080629P1080626P1080638P1080641P1080642

Die Rückfahrt nach Ushuaia verlief nah unter Land und gab dadurch den Blick frei auf den feuerländischen (Ur)Wald, der oft bis direkt an das Wasser reichte. Reichlich windgekrümmt kamen die Bäume oder oft auch nur Bäumchen daher, bildeten dennoch an sehr vielen Stellen einen sehr dichten Wald. Das diese Region auch Schafszüchterland ist, war ebenfalls vom Wasser aus zu besichtigen; eine Estancia lag unmittelbar am Wasser, das sie umgebende Land zwar vom Wald “befreit”, jedoch nicht, wie so häufig festgestellt, beräumt.

P1080655P1080650P1080648

Bei der Einfahrt in den Hafen kamen uns zwei große Kreuzfahrtschiffe entgegen, die bei unserer Abfahrt noch an der Pier gelegen hatten. Sie fuhren Richtung Antarktis, hatten hunderte von Gästen an Bord, die auf ihrer zwischen 10 und 14 Tagen dauernden Reise sicherlich unvergleichliche Erlebnisse haben und besondere Eindrücke sammeln werden,  dabei jedoch auch in eine ökologisch extrem sensible Zone eindringen.

P1080656

Wir haben einiges von dem hier in Ushuaia erleben und sehen können, was wir für interessant gehalten haben und können mit einer gewissen Zufriedenheit weiter reisen. Bootsfahrt und Wanderung waren zwar keine außergewöhnliche Unternehmungen und haben uns keine einzigartigen und völlig neuen Eindrücke vermittelt, das Gesamtpaket Fahrt nach Ushuaia und diese Aktivitäten machen den Abstecher nach Feuerland für uns zu einem, wenn auch nicht ganz großen, Gewinn.

Ein Gedanke zu „Al Fin del Mundo – nicht ganz, aber fast!

  1. Hallo ihr zwei!
    Das sind wirklich beeindruckende Aufnahmen und so passend formulierte Beschreibungen, dass man sich mittendrin fühlt! Die „Gigantomanie der Landschaft“ kann man nicht besser beschreiben! Die unglaublich gut gelungenen Tieraufnahmen faszinieren mich jedoch am meisten!
    Macht weiter so!
    LG Esther

Schreibe einen Kommentar zu Esther Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert